Mit mir nicht über die Sanftmut

Das Meer ruht mich an. Hier, im Roten Hafen Sloweniens. Die Morgensonne strahlt durch die frische Frühe – und ich bebe: Hat doch unser Alsergrunder Autovermieter eine absurde Diskussion begonnen. Das Motoröl, das ich seiner Sorglosigkeit wegen besorgen musste, war ihm zu teuer.
Keine Stunde waren wir, meine Freundin und ich, auf der Autobahn unterwegs gewesen, als das Vehikel piepsend kreischte: Bei nächster Gelegenheit 1 Liter Motoröl nachfüllen! So fuhren wir zur nächsten Tankstelle, kauften das vom Vermieter empfohlene Öl um 41,99€ und gossen es in den dampfenden Kessel. Und zum Dank für die Erledigung dieser seiner Aufgabe empörte er sich bloß: Der Preis sei jenseits von Gut und Böse, er wolle ihn nicht bezahlen. Wir sollten die Hälfte übernehmen, da ihn das Öl üblicherweise nur ein Viertel des von uns bezahlten Preises kosten würde. So wendeten wir uns an die Vermittlungsgesellschaft.

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Worauf es ankommt

Greif nach den Sternen. Dann hol ich mir unsern #FEFA“. Das hatte Elan Moschus vor Wochen gepostet. Auf seiner Social-Media-Plattform Y, die er dann auch noch in Yps-Elan umgetauft hatte. Die Medienlandschaft war aufgewühlt, Falco Seidl dagegen belustigt gewesen.
Für ihn war Moschus‘ Genius längst zerfallen in eine stumpfe Geilheit nach Aufmerksamkeit. Erkannt hatte er das in einem Podcast. Moschus war gefragt worden, wie er neben allem, was er tue, auch noch der weltbeste Spieler des von Millionen gespielten Online-Spiels Path of Exile 2 sein könne. Daraufhin hatte er nur schief gelächelt und gemeint, zocken beruhige ihn. Er habe dazu zwar nur Zeit, wenn er in seinem Privatjet fliege, aber zumindest könne er im Livestream mit der Community connecten; er sei ja auch nur einer von ihnen …

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Nichts ist unmöglich

Aber Sie haben ja Nichts gesagt. Ob ich weiß, dass – natürlich weiß ich, dass Sie tot sind. Aber Nichts sagten Sie bereits, als Sie noch lebten, es steht ja hier in Ihrem Buch! Entschuldigen Sie mich, Ludwig – der Kellner kommt. Was für ein freundlichkeitskarges Gesicht. Falten über Falten, und keine Lachfalten – „Nichts zu essen, nein. Nur einen von diesen Verlängerten hätte ich gerne, bitte. Ohne Milch, ohne Zucker.“ Wie, warum ich dann nicht ‚schwarz‘ sage. Ist diese Umstandsmeierei der Wiener Charme, von dem man spricht? Ludwig, sagen Sie denn gar nichts dazu? Ach … Ihre Umstände … machen es Ihnen ja unmöglich! Aber eigentlich ist doch nichts unmöglich: Ich spreche ja doch mit Ihnen, zwar in meinem Kopf, aber – Sie antworten mir, nicht? Nein? Nichts? Genau! Bei Nichts war ich. Hören Sie, Ludwig … ich wollte Ihnen lediglich mitteilen, wie absurd ich es finde, dass etwas so Nichtssagendes wie Nichts überhaupt verwendet werden kann, in einem Satz, und dass ein solcher Satz mit Nichts dann sogar Bedeutung hat, verstehen Sie? Nichts bedeutet ja mir nichts, dir nichts – Verzeihung – Ihnen nichts: nichts. Nichts ist inhaltlich leer, ganz einfach. Und aber dennoch bedeutet Nichts irgendwie irgendetwas, was seinem Inhalt ja widerspricht, und ebendies müsste vollkommen unmöglich sein, nicht? Wie ich eigentlich vorhin meinte: Nichts müsste unmöglich sein … und nichts für ungut, aber …

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Esels Ohr

Aus Wassermassen bricht Gebirge in die Höh‘: steile Felswände, durchzogen nur von einem Klettersteig. Auf diesem schmalen Steig steht ein Esel und schaut in den Abgrund vor ihm: Aus der Ferne kommen zwei Gestalten immer näher: ein Vater und sein Kind. Sie erklimmen den Berg, während die Mittagssonne brennt … und das Kind auf den Esel zeigt, der noch in den Abgrund starrt – und den schmalen Weg versperrt.
Der Vater geht langsamer; hält die rechte Hand vor die Brust seines Kindes, welches am sehnigen Arm vorbei das Tier bewundert: ein großer, grauer Kopf, mit langen Ohren, und einer schwarzen Nase –
 „Ein Schmuggleresel“, sagt der Vater und bleibt stehen.
 „Können wir auf ihm reiten, Papa?“
 „Nein. Der hier will stehen. Komm‘.“
Der Vater beugt sich zu seinem Sohn und hebt ihn über das Tier –
 „Papa, schau! Er ist verletzt!“

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Der tollste Mensch

Als er grundlos durch den Votivpark spazierte, fiel ihm die werbefreie Kirche auf. Kein meterhohes Plakat, das die Mauern mit einem überdimensionalen Huawei X6 G17 S++ Superflat Smartphone umspannte. Sondern einfach die reine, gotische Schönheit, die der Ringstraßendom eben war: ein vielgliedrig aufstrebendes, zartmächtiges Gebilde wie aus Elfenbein, mit düst’rem Dach über dem hint’ren, strebenreichen Teil. Ein Meisterbau, der den schmutzigen Stephansdom in den Schatten stellte. Und das einfach hier, im abenddämmernden Alsergrund – Los!, dachte er und schritt zum Vordereingang …

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Der Letzte von Sagan

Jedem süßen Schluck folgt der bittere Nachgeschmack. Und dann die alles versalzende Meeresluft. Doch jeder auf dieser schwankenden Holzinsel erträgt es, genießt es, manches Mal, fast. Wenn sie sitzen, auf dem Deck, unter dem höhnenden, himmlischen Blau; und saufend davondrängen durch den Spott der glattspiegelnden Weite … – nach vier Monaten auf See ist eben alles Paradiesische schal geworden: Das Farbenspiel der Morgen- und Abendsonne; das Funkelall der Nacht; die Ruhe, die Ferne, die Ungebundenheit – selbst der wildeste Sturm zahm durch die Gewohnheit … da bleibt nur noch das abendliche Kartenspiel, das ihnen ein letztes bisschen Lebendigkeit erfindet: Wenn die gesetzten Taler knapp werden; wenn sie johlen und jaulen, so gemeinsam, über den Kuss oder Hass der Schicksalsgöttin; und dabei vergessen können, wie viel Rum bereits geflossen, wie eintönig und einsam sie sind: Dann erstehen sie auf, für wenige Augenblicke, am Ende jedes Tages.

Carsten war Schustersohn. Früh ohne Mutter, und später, als Lehrling, als junger Mann, der dem Ruf seiner Stammväter um jeden Preis gerecht werden wollte: Ohne Vater. Zu Tode gesoffen. Seine Mutter lebte noch, wahrscheinlich, irgendwo. Hatte sich nur davongestohlen – da konnte Carsten gerade sprechen. Mit zwölf also war er ganz elternlos; ein kaum gelernter Schuhmacher, und vor ihm die Bürde des generationenalten Betriebs – von Sagan. In der ganzen Lüneburger Gegend – ach: In allen Kurfürstentümern kannte man diesen Namen. Und er war der letzte. Also musste er.

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