vom Philosophischen ins Träumerische über die Natur hin zur Liebe – zum Seelenheil.

Ein Weltgesetz

Die Tiefen dunkeln, zehren jedes Funkeln auf;
gebären ewig aller Welt die Weltennacht,
die wie ein Schatten Gottes thront in schwarzer Pracht,
aus der ein Kosmos munkelt über ihren Lauf.

Dass sie die Ferne schafft, weil Sterne sie durchflammen,
mit lebensheißen Sonnentagen sie zergleißen
und voller Farbe, Form und Stoff die Leere spleißen:
So klafft das Chaos, dem im Kerne wir entstammen.

Darum erleben wir seit je, was uns zerreißt:
Dass Gegenteile sich in eine Wahrheit dichten –
und dies, in uns geliebt, uns jederzeit befreit.

Was uns und alles bindet ist, was „Dasein“ heißt:
Dass sich aus Einem endlos viele Teile lichten –
zum Ganzen, das zuhöchst getrennt zutiefst gedeiht.

Die unfröhliche Wissenschaft

Das Wesen der Welten will wildern,
verbildert in taktendem Licht.
Zerfaktend das Wilde zu mildern:
was Wissenschaft sucht und verbricht.

Sie eifert ins eisige Nichts.

Herbstschied

Wie dein Sturm
das Laubwerk meines Baumes
kalt entkront
aufs letzte Blatt,
das wirbelnd schwindet
in der weiten Bläue.

Ein Zittern –
vor der Einsamkeit,
die wie aus allen Nächten brechend
sich in unsre Äste neigt
und mit ihr schweigt
der verglühte Horizont.

So zieht mich deine Ferne
in mein stilles Selbst zurück
und treibt durch dunkle Schichten mich
in Ringen tief zur Mitte hin,
wo aus dem Stamm der Zeit gerissen
meine Seele um dein Fehlen weint.

Und Kälte bleibt:
entleibte Welt,
aus der, in letzten Wehen,
Gelebtes sanft zur Erde fällt
und sie bedeckt, als bunter Tod,
der über unsren Wurzeln ruht.

Flusstanz

Trotz tanzendem Fließen
strömt er in nur eine Richtung;
ein Mit- und ein Gegeneinander
des lebendigen Wassers.
Steinerne Ufer
um rinnende Gleichmäßigkeit –
ungebrochen zeitlos.
Kleine Blätter treiben,
die letzten Mücken schwirren,
eine Fledermaus frohlockt
im himmelshellen Nachtbeginn;
während Krähenherden
zu hunderten hinfort ziehen,
und aus der Stadt
Motoren dröhnen –
in den Kirchen,
da lebt noch Gott;
dort bin ich ihm vorhin begegnet –
und auch hier: Im Fluss – als Fluss –,
der vor meinen Füßen
wellend Straßenlichter dehnt. –
Was brachte mich hierhin?
Die Not der Ängste und
das Wahre der gelebten Lügen.
Wie bedrohlich dunkel nun
der ruhige Fluss wirkt –
trägt er sich ja bis ins schwarze Meer! –
O Wien!
Wie richtetest du mich Dorfkind nieder!
Freuderaubend tief
ließt du mich blicken.
Und jetzt fehlt sie mir,
sie.
Ohne sie
bin ich doch bloß ein halbes Wesen,
halber Mensch,
halber Mann –
halb Ich.
Und doch kann ich meinen Blick nicht zu ihr heben –
zu der Aufgabe meines Lebens,
die mir viel zu groß und schwer,
zu unbezwingbar scheint –
„So beschäftigt mit sich selber“,
schießt’s mir durch den Kopf.
Und da weiß ich plötzlich,
dass der Fluss wie Ewigkeit,
in sich unendlich dringend,
stets gelassen weiterfließt.

Der große Vater

Das schwere Kreuz auf deinem Rücken ruht,
ob du zum Tale oder Gipfel ziehst,
und trotz Gewitter, trotz der Bestien fliehst
du nie vom Weg, der sich erstreckt im Mut.

Aus jeder Richtung dunkelt dir die Zeit,
und Schritt für Schritt zeugst du das Licht der Welt,
die sich durch dich als Richter nur erhält –
weil du sie freist mit Schönheit und mit Leid.

Dazu erfindest du dir eine Kraft,
die wie Vergebung oder Hoffnung scheint
und sich in Wahrheit dann erlösend bricht.

Dein Blick aus Altem ewig Neues schafft
und allen Krieg mit allem Frieden eint –
wie leiblich bleibt die Demut deine Pflicht.

Die große Mutter

Unendlich nimmst und gibst aus Deinem Herzen
das Leben Deiner Kinder Du dem Grunde,
in den sie wachsen werden, wie als Wunde,
die sich verschließt aus Liebe und aus Schmerzen.

Ein Nabel nur als letztes Band der Trennung,
durch das wir ganz alleine Schuld erleiden:
Aus unsrer Einheit hatten wir zu scheiden –
und Du bedarfst deshalb der Anerkennung?

Wie dieses Unrecht sich durchs Dasein waltet!
Und doch: Du stillst noch jedes schwache Kleine –
damit es das erhält, was endlos endet?

Genügt dein Kuss, der unsre Welt gestaltet:
Und hinter allem Licht und Schatten eine
Gewalt uns zeigt, die uns zum Guten wendet.

Befeuern

Still das Schwarze, unbefeuert,
leer vor lauter Nichts.
Noch schweigt das große Ungeheuer,
schweigt im schwarzen Licht:

Im Schatten blind, im Schatten taub,
der Schatten hat geraubt;
gefasst den Rauch, der Kohlehauch,
die tote Glut zerbricht
ins schwächste Glimmen, leise
scheint schneidend durch die Düsternis,
durchs weite Schwarz ein ruhiges Licht,
das zärtlichst in die Augen sticht
mit sanftem Rot im Glutgesicht,
aus dem ein Mund erbricht:
und aus der Asche bricht das Blut,
es treibt, es fließt die Funkenflut
mit Flammenzungen, Flammen lodern,
Feuer zungt, das Feuer lodert
hoch und weit, zerbrennt das Schwarz
ein großes, grelles Feuerherz
sengt hell und laut,
erblindet, taubt:

Hitze atmend,
Flammen fassend,
das Feuer aus dem Herzen lassend,
brennen wir hinaus.

Ein stiller Sturm

Da gleitest du vorbei,
du junge, wilde Schöne.
Vor dir, an einer Leine,
ein kleiner Hund, der tänzelt;
und hinter dir
stürzt einzig die Wirklichkeit ein:
An jedem deiner so sinnlichen Schritte
tanzt du Weiblichstes
in die Welt hinein;
mit wehenden Locken
und weichglatter Haut,
formte wohl sich eine Göttin dich –
die du jetzt auch noch mich:
erblickst – !
Mit deinen dunklen Augen
peitschst du Fesseln auf mich ein! –
dass ich, am Pranger meiner Blöße, so
beginne,
lautlos nach dir zu schrei‘n.

Bauerstochter

Den edlen Bauern Brunner einst ein Kindlein kam,
als Jungfrau aus den Sternen in die Berg‘ geboren.
In Sorge früh erblüht, zum Schwesterherz erkoren,
noch hinter Feistritz Toren sie die Liebe nahm.

So schwanger schön verträumt im weißen Kleid getraut,
den Mann aus schwarzem Zorn, der Höllenleid begehrte.
Trotz ihres Schutzes er die Kinder noch versehrte –
erwuchsen sie, dank ihr, das Gute noch geschaut.

Die edle Tochter Silwegs dann sich selbst befreit,
an keiner Rückkehr jenes Teufels je zerbrochen;
als wahrhaft große Mutter voller Güte alt.

Wie zärtlich sie noch blickt, und lachend alles weiht;
seit je gedeiht, weil sie sich jedem Tag versprochen;
dass stets ihr Herz durch ihre Kinder heilsam schallt.