Das Berliner Leiden

Vier zum Preis von einem – was das Leben so kostet, kosten kann … voller Preise, Gewinne und Verluste – hellau Wirtschaft, nein: hellau Liebesbeziehung! Aber Liebe und dieses kapitalistische Jargon in einem Kontext? Was da alles falsch läuft! Außer … Gewinn hieße nicht “mehr” und Verlust nicht “weniger”, sondern (nicht ganz unetymologisch): “nach etwas suchen, zu etwas gelangen” und “trennen, lösen“. Dieser Text ist nun drei Jahre alt, und beschreibt das Ende eines magischen, sehr intensiven Jahres mit einer Dame, die einst ihre Innenwelt als Winterlandschaft verbildlicht hat. Rührt mich beim Lesen immer noch zu Tränen – bin halt Melancholiker (“Dass Trauer mich, als Glück der Welt, befällt.“).

Vier zum Preis von einem – ein Weihnachtsgeschenk

Zugegeben: drei Köpfe in einem vierten sind etwas anstrengend, aber es ist mit Kohle, von der, wie der aufmerksame Leser bereits weiß, ich in den Bann gezogen bin … dieses taktil-Schwarze … mmmh. Und außerdem war diese Zeichnung fast wie ein Puzzle: die sich überschneidenden Linien und Schattierungen allein beim Erstellen … könnte ich mir unnüchtern gar nicht vorstellen. Nun ja. Eine schöne Woche noch!

Beethoven, Nietzsche, Jung und Sinatra

Die Länge zählt

nicht. Ein Aphorismus für zwischendurch:

Keine Entscheidung ist so bedeutend,
dass sie nicht den Tod zum Lachen bringt.

Juli 2018, bei einem pseudo-weisen Nietzsche-Imitationsanfall

Hinunter in den Kaninchenbau, und hinauf!

Jahresrückblick, Jahresrückblick, Jahresvorblick – Moment. Zwei Rückblicke, und nur ein Vorblick? Das ist ja nicht symmetrisch. Einen Vorblick machen wir noch. Gut. Zwei Rückschritte, zwei Schritte vor – und ZACK! sind wir auf derselben Stelle gelandet – Nein! Natürlich nicht. Verändert sich ja was, man verändert sich. Wie war das mit Hesses Siddhartha und diesem Flussgleichnis? Kannst einen Stein in einen Fluss werfen, dann wieder, und wieder, und immer ist der Fluss anders, augenblicklich anders. Dann ging es Hesse, wenn ich mich richtig erinnere, darum, dass alles in der Welt eine eigene Zeit hat (Hallo Einstein und Relativität); die letzte Wüste wird irgendwann zum Dschungel, Mensch wird Staub, Stein zu Leben, alles zu nichts und umgekehrt. Ob da man da herauslesen kann, dass Hesse Zeit in Indien verbracht hat, und zudem noch mit Carl Gustav Jung befreundet (oder therapeutisch bedingt verbunden) war?
Das nächste Zitat zu den zwei Rück- und Vorschritten kommt von Lewis Carrolls Alice im Wunderland: “Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.” Weil es die Rote Königin sagt, wird es in der Wissenschaft auch als “Red-Queen-Hypothese” verwendet – irgendwas mit Evolution, Überleben und so, aber was weiß ich. Das, auf alle Fälle, was in den Städten und Dörfern hier im Westen nicht mehr so präsent ist. Gut oder schlecht? Bäh. Hauptsache es geht weiter, nicht?

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Tunnellyrik

Dem Hochbunker der letzten Woche folgt nun das Tunnelgeflecht im Grund allen Seins. BÄM! Große Worte, kleiner Geist. Aber das Gedicht spricht für sich selbst. Hoffentlich. (Das tausendste Mal Todesfuge hören und “Wasser und Feuer” lesen hat mich hierzu bewegt: nämlich das Reimen hinten an zu stellen, und rein auf die Melodie der Zeilen zu achten.)

Ich wünsche Euch eine besinnliche Zeit!

Tunnel

Trägt sich aus dem Tunnelende
entlang der schwarzen Wände nicht
das Licht
zu dir,
in jedem Augenlichtblick?

Wie ist es mit dem Seh-Sinnen,
wenn es am Gestein zerrinnen will,
wo Rillenschatten
blicken lassen
auf das Scheinweltendunkel
des Unsergrunds?

Dort,
wo Sinnen sich mit Zweifel eint,
wo jeder Tunnel noch so gleich erscheint
und erst gar nicht ist,
weil sich nichts mehr unvereint
als Alles in die Ganzheit frisst?

Wie könnte dann nur ein Geblicke
aus dem Tunnellosen hoch, nach vorn,
genügen,
um zu sehen,
dass das Sinnlicht ständig fällt,
und dir nur fallenleuchten kann,
in einer zutiefst wirklich schwarzen Welt?

Flakturm im Augarten – Studie

Vorbereitung hoffentlich für eine Frühlings- oder Herbstleinwand 2021. So hässlich, faszinierend und irgendwie schön. So schön, dass echte Wiener diese “Augenkrebsgeschwüre” zersprengen wollen (Thema: unbewusste Projektion), was scheinbar durch die viel zu nah herumliegenden Wohnhäuser zu umständlich ist; ehrlich: ich finde sie gehören zu Wien, diese “Hochbunker“. Wie unsympathische Kellner, wunderschöne Frauen, ein neunzehnter Bezirk und ein Reumannplatz und: endlich, nach viel zu langen Jahren: nicht nur ein, SONDERN GLEICH ZWEI LÄDERACH-GESCHÄFTE in Wien! Jetzt gibt’s kaum noch Gründe, um die Schweiz zu besuchen. Außer vielleicht, um in die Fußstapfen C.G.Jungs in seinem Bollinger Turm oder Nietzsches Zarathustra-Weg in Sils Maria zu treten – Verzeihung: schleichen.

Flakturm im Augarten

Erwachsenwerden

Lyrisch angehauchte Prosareflektion zum Thema Erwachsenwerden; Themenvorgabe war “Zerrissene Zwanziger”. Ein Beitrag für eine erscheinende Anthologie meines Vereins Jung Wien ’14 (und der Text ist aus erkenntnisreicher Frustfrucht verdaut und ausgeschieden worden in Lido delle Nazioni, wo ich durch glückliche Umstände Zeit mit einem Kumpel verbringen durfte – Piadina, mmh).

Kein Tag vergeht ohne Schmerz. Schmerz, der Furchen ins Gesteinsfleisch reißt.  Und wenn du kein zerklüftetes Küstengebirge bist, dann hat dich das Meer ganz schnell zu Sand verwandelt – was es so oder so tun wird – nur deinem Massiv entsprechend zeitaufwändiger.
Mensch ist begrenzte Zeit; weil Kosmos begrenzte Zeit ist? – Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; und es wird zu Grunde gehen. Wie die letzte Hoffnung. Alles wandelt sich zu nichts, nichts zu alles, Schleife, endlos, Wiederholung; Gedanken, an denen man selbst zu Grunde – zu nichts – gehen könnte; Abstand.
Oh, du heilsame Tugend: Abstand! In dir, du Distanz, da werden die Tat-Dinge so schön klar! Vorausgesetzt, dass man nicht von der Sonne geblendet wird oder, dass eine lästige Mücke einem schließlich ins Auge sticht, woraufhin es zu jucken beginnen, anschwellen, erblinden würde – ehrlich, dieser Juckreiz … und zu reagieren, auf diese erwartungsverseuchte befriedigt-sein-Sehnsucht – dabei haben wir die Freiheit, eben nicht zu reagieren, voll Achtsamkeit! – Achtsamkeit! Mit der wir was genau machen? In all dem schwammig-schlammigen Stimulations-Überfluss, in dem Satan, auf Shivas Rücken reitend, seine zahllosen Hydraköpfe in unsere Seelen reckt – und wir anbeißen, weil der Krieg von Gut und Böse aus unserem Innern fortrationalisiert wurde.
Und dann, in diesen Wogen, jenen des Alltags, da altern wir so unentrinnbar, während unsere fleischliche Hülle ihre Kraft gegen Anfälligkeit tauscht, Gedanken gleichen, Muskel reißen, Gelenke krachen, der Geist stockt, Wirklichkeit und Weltbild aneinander schaben, und das Sich-Laben als letzter Lichtblick bleibt – doch ist jetzt der Magen so empfindlich geworden, dass Genuss und Schmerz sich verheiratet haben.
Genuss und Antigenuss, Wohl und Übel, Teufel und Teufel – gleiches Spiel, gleiche Schleife: Sklave, verglorifizierter Gefühlszustände, die alles Erleben zerteilen in besser-für-mich und schlechter-für-mich – dabei wird dieses Erleben doch so liebevoll geregelt durch achtsames Annehmen, das so unabhängig von besser-oder-schlechter-, angenehmer-oder-unangenehmer-, genussvoll-oder-hassbar- – hässlich – -für-mich ist – ach, woher ich das weiß, und warum ich das nicht nur behaupte?
Weil sich meine Erfahrung zu diesem Glauben zu einem belehrend-bereichernden Zukunft-Gegenwarts-Vergangenheits-Geflecht entwickelt hat und weiterentwickeln wird – so lange ich eben glaube; so lange ich meinen Glauben auf erster Ebene an meinen Taten messe.

Das Spiel der Psyche

Wie könnte dem Bewusstseinsstrom nicht “das Spiel der Psyche” folgen? Ein Experiment in erzählerischer Lyrik. Und eine Präsentation meiner Stimme.
Bis nächsten Dienstag!

Bewusstseinsstrom und der Blog

Das Privileg ein Mitglied in einigen Autorenverbänden zu sein zeigt auch auf, was in der Literaturszene verpönt ist, bei den zeitgenössischen Schreiberlingen, die das Schreiben ernst nehmen: der Bewusstseinsstrom – stream of consciousness – wie man so schön sagt.
Daran wird eben kritisiert, dass das Ich des Schreibenden seine Weltsicht und sein Erleben für derart besonders und mittelungswürdig empfindet, dass unabhängig jeglicher Text-Aufbau-Kompetenz, die Gedanken aus dem Kopf aufs Papier – oder eher in den Laptop – gehämmert werden, unter der Erwartung, das nächste große schriftstellerische Genie zu sein.
Klassische – konservative – Strukturen, die einer guten Geschichte zugrunde liegen (Charakter, Ort, Geschehnisse, Peripetie, Symbole, Tragik, Komik, usw., usw.) werden dabei (un)gekonnt ausgeblendet durch die narzisstische Euphorie, dass man gerade tatsächlich zusammenhängende Wörter, Sätze aufs Papier – wobei ein neuer Gedanke dann unmittelbar den vorherigen Gedanken abwürgen darf und

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мужчина

Der Lauf des Maschinengewehrs war auf mein Herz gerichtet. In seinen Augen Blutlust. Und in mir Angst. Niemand anders war hier. Auch ich hatte meine Waffe auf ihn gerichtet. Meine AK. In der Nacht noch auseinander genommen, gereinigt und zusammengesetzt. Schlaf ist ein Segen Gottes, den die Menschen in seinem Reich erhalten – wir dagegen … trotz der Explosionen im Hintergrund, trotz der Schreie und den ratternden Schüssen war es still, zwischen ihm und mir. Weder er noch ich bewegten uns. Drei Meter Abstand. Wir blickten. Blinzeln hieß Schwäche, und der erste Fehler. Ich sah den Panther in ihm, ein verletzter, seelenverwundeter. Das Maul blutig, die Glieder gespannt, bereit. Wir verharrten so lange. Elisabeth. Ferdinand. Mein kleines Wir, das von diesem russischen Raubtier gegenüber abhing – und von mir. Mein Zeigefinger zitterte. Warum tat er nichts? Warum tat ich nichts? Er war der Feind. So wie ich, für ihn. Unsere Bestimmung war einander zu töten. Das Leben aus dem Körper zu bleien. Langsam hob er sein Bein, ich zuckte, meine Rüstung ruckte – er hielt inne. Bei seiner nächsten Bewegung schrie ich: “HALT!”, und er verstand, trotz Sprachkluft. Ich sollte schon längst – doch … was, wenn er mein Spiegelbild war, ein russisches? Frau und Kind, daheim? Ich würde es zerstören, wie ich es bereits in diesem Krieg zerstört hatte. Vielleicht. Wahrscheinlich. Die Hölle glühte schon längst unter mir – ich konnte sie riechen. Wen kümmert Gott. Da unten brannte die Verdammung, und ich hörte das ewige Leid, aus der Teufelsschlucht in mir. Dem Russen musste Ähnliches durch den Kopf schießen, verrieten seine Augen. Ja war es das? Ging es darum? Ein bloßes Er-oder-ich? Du-oder-ich? Alternative? Gegenseitiger Frieden? Nur hier, nur wir, mitten im Krieg? Nur um dann, heute, oder morgen, bis irgendwann, zum Waffenstillstand, oder Tod, doch noch zu morden? – die weißen Augen des verdreckten, russischen Gesichts blinzelten. Und da blinzelte ich. Und allmählich, als ob ich träumte, löste er seine Hand vom Abzug, und richtete die Waffe in die Luft. Ich zielte weiterhin auf ihn, doch ließ ihn sich bewegen, Seitschritt für Seitschritt, langwierig, bis er im Halbkreis um mich herum gegangen war. Die Augen wurden glasig. Schon wandte er sich ab, in Richtung der Staubwolken –
“Dimitrij!”, schallte es aus der Ferne; ein Fremder, Feind, er sah mich, ich reagierte, Dimitrij sah, wir reagierten.