Fußstapfen der Götter

Prometheus, du alte Sichtschleiche, was hast du uns nur dieses verfluchte Götterfeuer erstohlen? Was soll dieser Schlausinn, Hesiod? Theogonie-Style das Fundament einer Gesellschaft erschreiben. Großartig. Wie Homer. Und die tausenden Verfasser der Bibel. Und was bleibt uns dann übrig, 2000 bis 3000 Jahre später? Und dann noch die Ägypter, davor, dann das- oder diejenige/*n – was auch immer – die Gobekli Tepi (oder wie man das schreibt; Internet hier in Griechenland ist lahm) erbaut haben, mindestens 9600 Jahre vor dem Heute?
Ach, wo reicht’s hin, wo kriecht’s heraus, diese tiefengesättigte Menschendimension, die das Geschlecht, und jedes der beiden Geschlechter, ernährt, endlos, Zeit transzidierend – göttlich bis zum Untergang?
Ich zitiere mich nur ungern, aber: “… Uns der Glaube aus den Seelen fortrationalisiert wurde.” – – scheiß auf Glaubensbekenntnis, Religion, Massenerblindung – – werdet religiös, tiefer als der Kern des Alls je liegen könnte; werdet mystisch, dass jeder Augenblick vor Magie schimmert; werdet Herz, voll, warm, irrational gebildet, demütig der Welt gegenüber, Sklave der Götter, die es wiederbeleben – ja: neu zu gebären gilt! Unser Zeitalter schreit, es schreit und drängt, weil der Westen kälter wird – so paradox gespiegelt, nach unserem Fundament, auf das das Staunen, oh Kindsein!, seinen Platz hat und wiederfinden muss, wiedergefunden werden muss, muss, muss, MUSS!
Doch wo beginnen? Mit einer neuen Theogonie vielleicht? Statt lasche Superhelden- und Fantasy-Geschichten, die zwar mächtig, aber zu schwach, viel zu schwach für eine neue Kultur, eine neue Gesellschaft, ein neues Zeitalter sind – so viel Größeres wird dafür verlangt, notwendet!

Meiner Hybris? Klar bin ich mir ihr bewusst. Ich seh’ ja doch, was ich da schreib. Ändert nichts an dem, was zu tun ist.

Mensch und Natur

So heißt sie, die neue Leinwand. Passend zur Selbstständigkeit, meiner, die nun um den 13. Oktober begonnen hat – 27,5 Jahre. Hat ja etwas gedauert; dafür kann ich mich nun offiziell Künstler schimpfen.

D.h. auch, dass sich diese Internetseite ein wenig verändern wird: meine Kunst wird auch hier zu kaufen sein, bald!

In der Zwischenzeit sende die schönsten Grüße aus dem schönen, endlos inspirierenden Griechenland, Stoupa. Bis nächsten Dienstag!

Herbstverliebt

In Gedanken an den Cherub Rilke, der die deutsche Sprache und deren Melodie-Potenzial in einer unvergleichlichen Weise gemeistert hat; dem ein oder anderen dürften da “gewisse” Parallelen in der Rhythmik auffallen. ÄHEM.

Die Augen, deine, brechen Wirklichkeit,
als fielen aus den Himmeln fern die Sterne
auf mich; ein kleiner, schwacher Punkt der Erde.

Aus diesem Echten, wächst der Dämon „Werde!“
und führt mich liebevoll zur Einsamkeit.

Wir alle leiden. Alles Leid erhellt.
Und alles ist ein Teil: und nichts zu neiden.

Und da bist du, doch, in so naher Ferne,
dass Trauer mich, als Glück der Welt, befällt.

Gustave Courbet

Auch im Rahmen des “drawing on the right side of the brain” entstanden. Hatte ich bereits erwähnt, dass ich auf Kohle stehe? Ach, ja. Dieses taktil-Direkte eines Kohlestäbchens ist aber auch so befriedigend; wie perfekt weichharte Butter schneiden, oder das Klacken eines durchlaufenden Rennrads hören, oder am Abend ein orange-rosafarbenes-blaugraues Wolkengeflecht sehen, oder die Hand eines anderen Menschen auf der eigenen Haut spüren.

Blogeintrag, oh, Blogeintrag

Nein, dieser Anfang hat mir nicht gefallen; drum schreib ich den hier als Neuen; ja, der ist viel besser. So einfach. Zack! Wobei – immer noch hadere ich. Weil es stockt, der Zufluss meiner Musen – aber nicht der Ausfluss! Denn letzten Endes wird hier etwas (ent)stehen! Aber nicht irgendeine heruntergerotzte Wortabfolge, die den Lesenden das Augenrollen meistern lässt, sondern etwas – mit – ja – diesem gewissen Etwas?
Manchmal sieht ein unfertiges Kunstwerk aus wie ein Spiegel, der alles – sich selbst, Urheber, Idee, die Welt – in einer hässlichsten Form zeigt: Ja, ich höre euch postmoderne Aufgedröseltheiten trotzen; sehe euch erloschene Lasch-Affen die ergrauten Köpfe schütteln; fühle die Bitterkeit der Welt in meinen Adern; wenn ich dir Spiegel gegenüberstehe, du unfertiger Kunstschatten, du halbglänzender Schlierenstein, du – Perfektionsopfer; Idealsklave; Ganzheitsgefangener; Mensch.
Die Impulse, die mich zum Niederschreiben treiben, widern mich an, weil sie sich wiederholen, mich wiederholen. Dort über mir schreistreiten die Nachbarn, dort draußen vergewaltigt ein Lastkraftwagen meine Ohren, und in mir wüten die Wogen der kaum zu stemmenden Lebensaufgabe – im Übrigen erinnert mich diese grausame Interaktion auf der nächsthöheren Etage an ungutes Vergangenes, aus dem Leben Geschiedenes. Der Mann, der dort oben seiner Schwäche scheinstarken Ausdruck erschreit, ist ein Boxer aus Serbien, der mit seiner Frau und der dreijährigen Tochter vor einigen Monaten nach Wien gezogen ist. Er beschwert sich gerne und lang über seine Zähne, über seine tödliche Vergangenheit (gerechterweise: es war Todschlag und nicht Mord) und darüber, dass er zu viel kifft. Mit dreiundzwanzig Jahren. Immer ein freundlich-benebeltes, falsches Lächeln auf den Lippen seiner zernarbten Seelenfresse – immer unter dem Licht des scheinheiligen Scheins; und wie stolz er mir verkündete, dass er gläubig, Christ, Katholik ist; die Dinge im Leben wiederholen sich tatsächlich zu oft; zu klar; auch, wenn die Oberfläche anders ist; der Form, gewissen Mustern, begegnet mensch doch immer wieder.

Erstes Farbbild, mit Pinseln, im Erwachsenenalter

Zum Gedicht der letzten Woche nun der Samen, dessen Spross sich mittlerweile auf Leinwände ausgebreitet hat und weiter ausbreiten wird.
2017 ist dieses flüchtige Bild entstanden, noch in Berlin, glaube ich. Mir ist damals nichts besseres eingefallen, als es “crushed sea” zu nennen. Ganz hip, in english. Ähem …

Der Samen

Samtig braun in Tropfenform schlummernder Baum,
was versteckst du dich in Kleinheiten des Lebens?
Was ruhst du im geschützten Fruchtgehäuse,
als ob du wüsstest, dass du oder einer von euch
das Notwendige tun wird?

Du irre Vielzahl, die du in einem deiner vielen Früchte,
wie du sie zur Schau, in schöner Farbe, hinter Düften,
mittels der allerersten Sprache, von der du weißt,
dass sie gehört werden wird,
in deinen Kronen trägst, trotz deiner Sinnlosigkeit.

Dass du Mysterium dich in all dem Chaos zurecht gefunden hast!
Gesetze der Natur – gesetzt?
Die Wahrheit im Baume, die Wahrheit im Mensch –
die Wahrheit im vielschichtigen, sich verändernden Subkosmos
halboffener, stets verbundener Systeme des Daseins.

Und das viele Nichts, in all den Zwischenräumen,
aus denen fraktalartige Spiralen in die Unendlichkeit kreisen,
die Geschichte von alles und nichts erzählen,
in denen sich Leben und Tod aktiv, lebloses passiv einwebt,
um den Moment stets erblühen zu lassen.

Wien, 2018, beim Betrachten des Apfelgehäuses eines zur Hälfte gegessenen Apfels

Nicht angenommener Beitrag für Jordan B. Petersons nächstes Buch

Angaben der Ausschreibung auf seiner Website waren zwei Tarotkarten, die den Narren in einem unterschiedlichen Stil dargestellt haben (hier und hier), und von denen man sich inspirieren lassen sollte. Leider gab es zu meinem Beitrag keine Rückmeldung von Petersons Seite, dennoch schätze ich diese, meine zweite, Tusche-Zeichnung.

Wie das Leben Käfer spielt

Dies ist die Geschichte eines Käfers. Wie alle Käfer wurde auch er geboren und mit der Zeit ein bisschen größer, bis er ausgewachsen war. In seiner Käferkolonie gehörte er wohl zu den Nomaden, denn schon bald sollte er seine Familie verlassen, um durch die Welt zu krabbeln und manchmal sogar zu fliegen. Fliegen aber war – mit dem Öffnen und Offenhalten seines Rückenpanzers – mit größter Anstrengung verbunden. So flog er nur in den allernotwendigsten Situationen.
Eines Tages fand er sich an einer grauen Häuserwand wieder. Ein Paradies aus Rillen, Furchen und Löcher. Wer wäre da nicht in Allesmögliche hineingekrabbelt? So kam es, dass eines dieser Löcher sich als Tunnelchen entlarvte. Er krabbelte vor und tiefer in das enge Schwarz, bis er plötzlich eine ganz andere Temperatur wahrnahm: es fühlte sich wärmer und auch sicherer an. Er kroch vor und blickte: in ein weißes Zimmer mit vielen, vielen Dingen. Alles wollte er erblicken, denn – so viel unterschiedlich Geformtes, das hatte er ja noch nie gesehen! Er rückte ein wenig vor, wollte auch das Unter-sich beobachten, da verlor er den halt und stürzte, fiel –

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Zur rechten Zeit

In meinem Tagebuch, das halb digital (Evernote sei dank) und halb handschriftlich geführt wird, habe ich folgenden Satz aufgeschrieben: Das Leben, die Umwelt, antwortet nicht mir, sonder ich ihm. Oder wir uns beiden.
Inspiriert wurden diese Worte durch ein Ereignis in der Steiermark, in der ich just war, um eine neue Leinwand in einer ganz bestimmten Stimmung zu malen: schwere, dunkel- und hellgraue Wolken, die über saftigem Grün der in der Ferne immer dunstiger werdenden Bergketten hängen und sich in den graugoldenen Weizenfeldern, die von Mohn- und Kornblumen durchwachsen sind, brechen.
Erlebt hatte ich diese Stimmung Wochen zuvor, als ich von Belgien zum ersten Steiermark-Besuch dieses Jahres reiste (meinen Eltern sei Dank); damals fehlten mir aber die Mittel, um die Leinwand zu beginnen. Ich kehrte nach Wien zurück, erledigte Zeugs und 10 Tage später ging es erneut in die Steiermark, mit (beinah) allem Notwendigen (die Feldstaffelei hatte ich vergessen …).
Nur hatte das Wetter mir nun seinen Mittelfinger entgegengestreckt:

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