Februa

Helau und Alaaf! “Hölle auf!” und “alles weg!”, so bejubeln die Narren den Februar. Unseren Februar, gregorianischer Zweitling im Jahr, benannt nach dem römischen Reinigungsfest Februa (“Sühnemittel”). Damals wurden noch – der römischen Göttin der Geburt Juno wegen – junge Frauen mit Ziegenfell-Riemen gepeitscht, um sie vor Unfruchtbarkeit zu wahren … heute – ich mein: kein Wunder, dass aus diesem römischen Feiersamen unser Narrenfest Karneval entwuchs, das einer sprudelnde Quelle des Dionysos in alltagsgrauer Gebirgsweite gleicht – nur schießt zwischen den Steinen dann kein Wasser, sondern purer Absinth hervor. Ja gut, man verkleidet sich, schmückt und baut Wägen, von denen “Zuckerl” oder “Schicken” beim Festzug durch die Luft geschmissen werden, unangenehm hart, kältebedingt, landen diese Teufelssteinchen auf Gliedmaßen und Köpfe; es hagelt Süßes, regnet Bauchschmerzen – zumindest für die Kinder.
Und diese Faschings-Hochzeit, auf die wir Sprösslinge uns jedes Jahr freuten, nachdem die Weihnachtsgeschenke wieder in Vergessenheit geraten und die Schule Gräue in die Zeit geflößt hatte – zum Preis, dass Eltern, Bekannte, beinah alle aus dem Dorf am Abend dem besoffenen Wahnsinn verfallen sein würden …. wen juckte das schon? So unbeaufsichtigt konnten doch die schönsten Abenteuer entstehen, für uns Halbwüchsige, die sich zu Gruppen einfanden, durch den Saal liefen, spielten, tanzten, jagten …

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Fürs Fliegen ist es nie zu spät

Ob in den Zwanzigern oder am Ende seines Lebens. Eine Kurzgeschichte über einen eisernen Richter, dem das Schicksal alles genommen und alles gegeben hat.

An Tagen wie diesem gebe ich mich durch die Häufigkeit solcher erlebten Tage beinah gezwungen bereitwillig meiner ohnehin schon durch mein Alter bedingten Bedeutungslosigkeit hin. Meine Erfahrung lehrte mich, diese tagesbeherrschende Steifheit, die heute bereits mein ganzes Erleben gerichtet haben wird, zu lieben.
Zunächst beginnt so ein Tag mit einem besonders auszehrenden Krieg – nicht, dass es sonst anders wäre, nur fällt es mir an anderen Tagen leichter – ein Krieg, der von dem alten, dürren Gestell, das sich mein Körper schimpft, gegen mich ausgetragen wird: denn das Erheben, und das Sich-hinein-Zerren in den Tag, ist dann eine besonders von Leiden bestimmte Prüfung meines Willens.
Wie üblich braucht es drei Versuche, während deren mein Holzbett knarzt und mit der rasselnden Matratze einen dissonanten Ohreneiter erzeugt, bis ich die Schlacht ächzend gewinne und schwitzend, schweratmend aufgerichtet sitze. Nun folgt nun der Bekleidungskampf. Zuerst muss ich mich, unter krachenden Wirbelkörpern und auseinanderreißenden Fasern meiner täglich mehr schwindenden Rückenmuskulatur, vorbeugen und mit beiden Armen erst das eine, linke Bein greifen und auf mein anderes heben, um mir hierauf die erste Socke der am Vorabend präparierten Kleidungsstücke auf meinem Nachttisch über dieses mich kaum noch tragen könnende Beinende zu stülpen, wonach sich dasselbe Prozedere beim rechten Fuß wiederholt; danach ziehe ich mir, mithilfe meines Gehstocks, die viel zu weite, beige Anzugshose über die Beine und schließe den rissigen Ledergürtel, der den Hosenbund seit Jahren nicht mehr verlassen hat, um ein Loch zu eng; danach fasse ich das gräuliche Feinrippleibchen und grabe meinen Kopf, unterdessen meine Hände daran ziehen, hinein, helfe einem Arm mit dem andern durch die eine Öffnung, und umgekehrt, und mühe mich dann in das grünkarrierte, müllsackgroße Hemd, dessen Zuknöpfen so viel Freude bereitet, wie das Zählen der Nadeln all unserer Tannen in Mühlebündt; schließlich, nach mehreren Fehlversuchen, landen meine Füße in den Holzschlapfen und ich sammle mich für die nächste Auseinandersetzung mit meinem Körper: Aufstehen.

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Die Zerrissenen Zwanziger

Die unfröhliche Wissenschaft

ImitationsanfälleInspiration – wo ist da der Unterschied? Versuch einer modernen Stellungsnahme:

Die unfröhliche Wissenschaft

Das Wesen der Welten will wildern,
verbildert in taktendem Licht.
Zerfaktend das Wilde zu mildern:
was Wissenschaft sucht und verbricht.

Sie eifert ins eisige Nichts.

Sanctus Januarius

Ich hab’s! Endlich hab ich die Erklärung für den ganzen Corona-Wahnsinn! Weit von Verschwörungstheorie, und nah an Wahrheit: Die Regierungen aller Länder haben sich zur Aufgabe gesetzt, den Menschen zu verunstalten: ihn mit für den Westen so ungewohnten Masken zu verhässlichen; vor allem durch das seit gestern ständig zu tragende FFP2-Atemgefängnis mit seinen viel zu straffen Gummibändern, die dem Menschen schleichend Segelohren ins Erbgut programmieren; die Gesellschaft zu verdumboisieren!

Nach dieser übertrieben langen und redundanten Einleitung aber nun zum Titel: Der heilige Januarius; Nietzsches Lieblingsmonat, der ihm als Symbol des neuen (Jahres)Beginns Hoffnung schenkte nach seinen langen Krankheits-Phasen … zum Januar zitiere ich: “Janus, nach dem auch der Monat Januar benannt ist, war der römische Gott des Anfangs und

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Das Berliner Leiden

Vier zum Preis von einem – was das Leben so kostet, kosten kann … voller Preise, Gewinne und Verluste – hellau Wirtschaft, nein: hellau Liebesbeziehung! Aber Liebe und dieses kapitalistische Jargon in einem Kontext? Was da alles falsch läuft! Außer … Gewinn hieße nicht “mehr” und Verlust nicht “weniger”, sondern (nicht ganz unetymologisch): “nach etwas suchen, zu etwas gelangen” und “trennen, lösen“. Dieser Text ist nun drei Jahre alt, und beschreibt das Ende eines magischen, sehr intensiven Jahres mit einer Dame, die einst ihre Innenwelt als Winterlandschaft verbildlicht hat. Rührt mich beim Lesen immer noch zu Tränen – bin halt Melancholiker (“Dass Trauer mich, als Glück der Welt, befällt.“).

Vier zum Preis von einem – ein Weihnachtsgeschenk

Zugegeben: drei Köpfe in einem vierten sind etwas anstrengend, aber es ist mit Kohle, von der, wie der aufmerksame Leser bereits weiß, ich in den Bann gezogen bin … dieses taktil-Schwarze … mmmh. Und außerdem war diese Zeichnung fast wie ein Puzzle: die sich überschneidenden Linien und Schattierungen allein beim Erstellen … könnte ich mir unnüchtern gar nicht vorstellen. Nun ja. Eine schöne Woche noch!

Beethoven, Nietzsche, Jung und Sinatra

Die Länge zählt

nicht. Ein Aphorismus für zwischendurch:

Keine Entscheidung ist so bedeutend,
dass sie nicht den Tod zum Lachen bringt.

Juli 2018, bei einem pseudo-weisen Nietzsche-Imitationsanfall

Hinunter in den Kaninchenbau, und hinauf!

Jahresrückblick, Jahresrückblick, Jahresvorblick – Moment. Zwei Rückblicke, und nur ein Vorblick? Das ist ja nicht symmetrisch. Einen Vorblick machen wir noch. Gut. Zwei Rückschritte, zwei Schritte vor – und ZACK! sind wir auf derselben Stelle gelandet – Nein! Natürlich nicht. Verändert sich ja was, man verändert sich. Wie war das mit Hesses Siddhartha und diesem Flussgleichnis? Kannst einen Stein in einen Fluss werfen, dann wieder, und wieder, und immer ist der Fluss anders, augenblicklich anders. Dann ging es Hesse, wenn ich mich richtig erinnere, darum, dass alles in der Welt eine eigene Zeit hat (Hallo Einstein und Relativität); die letzte Wüste wird irgendwann zum Dschungel, Mensch wird Staub, Stein zu Leben, alles zu nichts und umgekehrt. Ob da man da herauslesen kann, dass Hesse Zeit in Indien verbracht hat, und zudem noch mit Carl Gustav Jung befreundet (oder therapeutisch bedingt verbunden) war?
Das nächste Zitat zu den zwei Rück- und Vorschritten kommt von Lewis Carrolls Alice im Wunderland: “Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.” Weil es die Rote Königin sagt, wird es in der Wissenschaft auch als “Red-Queen-Hypothese” verwendet – irgendwas mit Evolution, Überleben und so, aber was weiß ich. Das, auf alle Fälle, was in den Städten und Dörfern hier im Westen nicht mehr so präsent ist. Gut oder schlecht? Bäh. Hauptsache es geht weiter, nicht?

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Tunnellyrik

Dem Hochbunker der letzten Woche folgt nun das Tunnelgeflecht im Grund allen Seins. BÄM! Große Worte, kleiner Geist. Aber das Gedicht spricht für sich selbst. Hoffentlich. (Das tausendste Mal Todesfuge hören und “Wasser und Feuer” lesen hat mich hierzu bewegt: nämlich das Reimen hinten an zu stellen, und rein auf die Melodie der Zeilen zu achten.)

Ich wünsche Euch eine besinnliche Zeit!

Tunnel

Trägt sich aus dem Tunnelende
entlang der schwarzen Wände nicht
das Licht
zu dir,
in jedem Augenlichtblick?

Wie ist es mit dem Seh-Sinnen,
wenn es am Gestein zerrinnen will,
wo Rillenschatten
blicken lassen
auf das Scheinweltendunkel
des Unsergrunds?

Dort,
wo Sinnen sich mit Zweifel eint,
wo jeder Tunnel noch so gleich erscheint
und erst gar nicht ist,
weil sich nichts mehr unvereint
als Alles in die Ganzheit frisst?

Wie könnte dann nur ein Geblicke
aus dem Tunnellosen hoch, nach vorn,
genügen,
um zu sehen,
dass das Sinnlicht ständig fällt,
und dir nur fallenleuchten kann,
in einer zutiefst wirklich schwarzen Welt?