Vom Toilettenpapier und fremden Wissen

Ja, das Haben …  die einen haben stapelweise Scheißhauspapier gelagert, die andern fremdes Wissen. Auf den ersten Blick wirken diese beiden ziemlich, ziemlich gegensätzlich – aber sind sie nicht zwei unterschiedliche Formen des Habens? Klopapier als greifbarer Gegenstand auf der materiellen Seite, und diesem gegenüber auf der immateriellen Seite das fremde Wissen –  weniger greifbar, dafür denkbar – aber Hauptsache: haben. Und warum?
Der jedem Menschen innewohnende, königliche Anspruch findet so wohl einen individuellen Ausdruck, den man dann mit seinem Papier oder Wissen abwischen kann. Weil es sich gut anfühlt. Weil es das dreckige Dunkle entfernt. Weil es irgendwie Sicherheit gibt, dieser Besitz von Etwas. Aber woher kommt dieses Lechzen nach Sicherheit?
Es gibt zu viele Unsicherheiten? Vielleicht. Und vielleicht besonders dann , wenn irgendein höchstwahrscheinlich unbewusster Teil des eigenen Wesens ahnt, das überdurchschnittlich viel Unsicherheit aus der nahen Zukunft droht. Nur frage ich mich dann, warum, wenn man die irre Zukunft bedenkt, wenn man die eigenen vielen Überraschungen im eigenen Leben bedenkt, wenn man einfach mal denkt, was denn überhaupt sicher, als sicher gegeben und als sicher genommen ist; warum sind klopapierleere Superdupermärkte und immer voller werdende Bücherregale (oder als digitales Äquivalent: Podcast und jede Art von Info-zu-irgendwas-scheinbar-Wichtigem-Video) nicht der Normalzustand, der sich ins Unermessliche steigert?
Ich mein‘: da könnt’n Komet auf die Erde donnern, morgen, oder so, und alles wär‘ weg! Wer weiß das schon? Man könnte über die Straße gehen und BUM! Man könnte den Falschen falsch angucken und schon ein Messer haben, das das eigene Rückenmark durchtrennt und – aua.
Lauernde Unsicherheiten gäbe es also genug. Und dann auch die wirtschaftliche, körperliche, seelischen – stelle man sich einmal vor, die Natur wäre besonders witzig drauf und ließe einen unsichtbaren, gesellschaftszerrüttenden Virus frei?! Wo kämen wir denn dahin? Vielleicht waren es aber auch die Chinesen. Und vielleicht darf dem amerikanischen, blonden Wischmopp nicht alles glauben.
Immerhin lernen wir in unseren Breitengraden eine die Postmoderne kaum besser verkörpernde, christlich-chinesische Lektion: Masken tragen aus Nächstenliebe. Nicht weil’s mich schützt, sondern andere. Wie langweilig. Und ist das eigentlich und überhaupt erwiesen? Wissenschaft? Wissenschaft! Aber – wie und was und wem sollen man denn glauben? Aber das steht ja im Internet! Und der sagt das, hab ich gehört. In den Medien. Schau‘, hör‘, da – sieh‘ selbst! Und ganz ehrlich: die Masken sehen doch richtig behindert aus. Ich mein: jeder hat das Recht darauf, mich und mein Modelgesicht sehen zu können und soll von diesem Recht auch Gebrauch machen. Virus hin oder her. Denn mich macht es schließlich traurig, wenn mir von den spiegelnden Scheiben in den Öffis mein eigenes Paar Augen mit dem bisschen Stirn und Haar entgegenblickt, wenn der Rest meines Gesichts – meines Gesichts! – so verdeckt ist … aber, hey! Dieser ganze Schmarrn ist eh bald vorbei. Im Augarten hocken sie ja schon, die vielen, die den Frühling genießen, als ob nichts wär. Da ändern auch irgendwelche Neonwesten-tragende Vollpfosten am Eingang nichts, obwohl es schön ist, dass sie den Staat und staatliche Beruhigung dort verkörpern; dass aber kein Schwein eine Maske trägt an einem Ort, wo hunderte zusammenkommen wird dann wieder egal. Um das Symbol geht’s. Um den Symbolakt. So wie Wünsche sich von gesetzten, täglich gewidmeten Zielen unterscheiden. Aber ich will mich hier nicht beschweren. Hab schon Glück genug, dass ich als gebürtiger Belgier und halber Österreicher, in Wien leben darf – während in Belgien die Post abgeht. Vielleicht wäre in dieser ganzen Geschichte ein wenig Übervorsichtigkeit nicht undumm. So aus Sicherheitsgründen. Hab mal irgendwo Zahlen gesehen – irgendwas mit der Spanischen Grippe. Dass die zweite Welle tödlicher war. Wem man dem denn glauben darf …
Das Papierrollen-Horten oder sich-mit-fremden-Wissen-Schmücken, wirkt irgendwie schnöde. Vielleicht weil das Haben ein starken, schnöden Wesenszug in sich hat? Nimmt Haben nicht einem die hässliche und schwere Verantwortung ab, weil da etwas ist, an dem man sich festhalten kann? Das innere Königliche sieht dort (s)einen Besitz vor sich und überflutet den Körper folglich mit beruhigenden Sicherheitsgefühlen. Dann hat man die Ruhe, und auch nichts mehr zu tun. Und wie herrlich das ist! Nichts mehr zu tun. Abgeschlossen. Abgeschlossen, weil: Sicherheit ist da. Gekommen, genommen, gekauft, um zu bleiben. Dafür hab ich ja meines getan. Und jetzt her mit dem alten Leben!