Februa

Helau und Alaaf! “Hölle auf!” und “alles weg!”, so bejubeln die Narren den Februar. Unseren Februar, gregorianischer Zweitling im Jahr, benannt nach dem römischen Reinigungsfest Februa (“Sühnemittel”). Damals wurden noch – der römischen Göttin der Geburt Juno wegen – junge Frauen mit Ziegenfell-Riemen gepeitscht, um sie vor Unfruchtbarkeit zu wahren … heute – ich mein: kein Wunder, dass aus diesem römischen Feiersamen unser Narrenfest Karneval entwuchs, das einer sprudelnde Quelle des Dionysos in alltagsgrauer Gebirgsweite gleicht – nur schießt zwischen den Steinen dann kein Wasser, sondern purer Absinth hervor. Ja gut, man verkleidet sich, schmückt und baut Wägen, von denen “Zuckerl” oder “Schicken” beim Festzug durch die Luft geschmissen werden, unangenehm hart, kältebedingt, landen diese Teufelssteinchen auf Gliedmaßen und Köpfe; es hagelt Süßes, regnet Bauchschmerzen – zumindest für die Kinder.
Und diese Faschings-Hochzeit, auf die wir Sprösslinge uns jedes Jahr freuten, nachdem die Weihnachtsgeschenke wieder in Vergessenheit geraten und die Schule Gräue in die Zeit geflößt hatte – zum Preis, dass Eltern, Bekannte, beinah alle aus dem Dorf am Abend dem besoffenen Wahnsinn verfallen sein würden …. wen juckte das schon? So unbeaufsichtigt konnten doch die schönsten Abenteuer entstehen, für uns Halbwüchsige, die sich zu Gruppen einfanden, durch den Saal liefen, spielten, tanzten, jagten …
In Mesopotamien, vor 5000 Jahren – Stichwörter: Marduk und Babylonien – gab’s auch schon Karneval. Eine Woche lang waren Sklaven und Sklavinnen den Herren und Herrinnen gleichgestellt, keine Unterschiede – interessant, dass die heute so auf “Teufel komm raus”-Gleichstellung aller sich damals nur unter dem Schutzmantel eines Narrenfestes verwirklichen konnte – “Scherz!”, wie mein liebe Cousine immer so schön sagt.
Diese ganze Tradition, den inneren Dämonen “eine Plattform zu geben” – um es modern auszudrücken – komplett zu eskalieren, verführt nicht nur, in seiner Extremform, zu der im Film “The Purge” verkörperten Idee, das pure Böse zu beleben, damit dadurch eine Katharsis, die Sühne an der Schuld des Trieb-unterdrückenden Konform-sein-Alltags, sondern (ver)führt es auch zum wunderbaren Satz “Γνῶθι σεαυτόν”, gesprochen: “gnothi seauton”, erkenne dich selbst.
Denn die Reise nach innen, zum Selbst, ist, meiner Erfahrung nach, alles andere als ein Spaziergang auf einer Weide aus Fußsohlenhaut streichelnden Grashalmen, während ein lauer Wind durch die Haare weht und ein Chor aus kleinen, fetten Himmelsäuglingen das Dasein besingt – das auch; aber genauso viel, wenn nicht sogar mehr Schatten und Stürme und Leid und generell: Unbewusstes, das oft fürchterlich ist – so kommen wir vom Archetyp des Narrens, der durch seine wahnsinnige Komik Wahrheiten aufdeckt (man denke an alte Königreiche, in denen der Narr der einzige war, der dem König konsequenzlos widersprechen durfte) zum Archetyp des Drachens, der – abgesehen von seiner Tödlichkeit: ich mein, so’n Drache is’ riesengroß, undurchdringbare Panzerhaut, kann fucking fliegen, spuckt Feuer; und chillt in dunklen Höhlen, wo er einen Goldschatz bewacht – oder eine Prinzessin – was man als Drache halt so tut -und um an diesen Schatz zu gelangen, muss der Drache besiegt werden. Von …? Einem selbst! Im Augenblick, im Augenblick.