Der Fall

Es rattert, es knarzt, es saust. Die Enge vermischt sich mit der Schwüle. Die Nervosität lodert, Kerosin tropft ins Feuer. Der Propeller brüllt die menschliche Überlegenheit in die Natur:  Geist über Anziehungskraft – und der Krieg wurde gewonnen. Genau jetzt, in einem militärfarbenen, deutschen Nachkriegsmodell, das zum Vergnügen umgewandelt wurde.
Die Häuser schrumpfen auf Nadelöhrgröße, das Meer breitet sich wie ein unendlicher, tiefblauer Teppich zur untergehenden Sonne hin aus, auf der anderen Seite thronen die majestätischen Anfänge der Alpen: die vereinte Natur.
Die Tür des Stahlvogels öffnet sich und der Wind schlägt ins Gesicht. Die Stimmen der Insassen schwinden in der einströmenden Wucht. Präsenz. Jeder gibt sich die Hand, als kleines Ritual, beinahe eine Tradition an das Leben. Einer betet, der andere lacht – plötzlich ist der Erste aus dem Flugzeug verschwunden! Dann stürzte der Zweite hinterher! Dann die Dritte. Dann vier, fünf und sechs – alle sind sie in einem selbstmörderischen Akt in die Freiheit gestürzt! Und endlich zeigt sich der wahre Wert der eben noch verschlossenen Tür: Sicherheit.
Worte werden gewechselt, schon hängen die Beine frei in der Luft. Der Kopf wird ausgerichtet – Lächeln für ein Foto – ein kräftiger Ruck – der Fall.
– Stille, Nichts, Leere, absolute Gegenwärtigkeit. – der Grund dehnt sich wie ein Wurmloch, alles verzerrt, die Welt ist schlagartig vierdimensional! Sorge über den Fallschirm; verbannt in der Euphorie des Jetzt. Nichts ist perfekter als dieser Moment, nichts ist vollkommener. Freiheit faltet sich kaleidoskopartig auseinander, in allen Varianten, physisch, psychisch, sinnlich – förmlich greifbar. Vollkommen mit ihr vereint – die Natur im Eindrang, – zu viele Eindrücke. Jeder Verarbeitungsversuch wäre diesem Geschehen unwürdig.
Der freie Fall. Der Sturz in die Freiheit, die Liebe in der Luft, Anziehungskraft. Nichts zählt, alles ist gleichgültig: wenn der Tod dort unten wartet wird er mit offener Brust empfangen. Die Leine zerrt, ein Stoß, ein rückgrateinrenkender Schnalzer, und der Fallschirm ruht breitgefächert in der Höhe. Sicherheit. Geborgenheit.
Schreie der Existenz! Schreie der Liebe! Schreie des Lebens! Schreie, die die Seele erfüllen, sie freigeben und sie verspüren lassen! Schreie der Lebendigkeit.
Das ist die Freiheit des Himmeltauchens.

 

Salerno, 07.10.17