Das Berliner Leiden

Es war ein dunkler Winterabend. Kälte auf den Wangen, Brennen in den Augen, Tränen im Herz. Die graue, geschundene Wolljacke schützend auf meinen Schultern – Schutz und Nähe, die ich mir nicht zu fühlen erlaubte. Harte, stählerne Züge in meinem Gesicht; entschlossen bemühte ich mich diese loszuwerden. Wie hätte mich so etwas auch schmerzen können? Ich war doch besser als das. Reifer, klüger, stärker und doch – beschlich mich damals ein lausiges Gefühl, das sich im Nacken festsetzte. Wo war bloß die Zeit, die alle Wunden heilt? Diese seltsame Zeit und diese seltsamen Wunden – so verwirrend… komplex! Paradox! Während ich einen Fuß vor den anderen setzte, strömten hunderte Einzelheiten auf mich ein: aus dem grauen Berlin in mein Gehirn, aus meinem Gehirn in die deutsche Wirklichkeit. Übermannend! Gutes und Schlechtes verschmolz; Reue, Freude, Glück und Trauer, Angst, Zweifel, Nähe, Schmerz, Lust, Distanz – Chaos. Dort, in diesem Moment. Wie in Trance ging ich auf den alten Wegen, bis ich vor jener Tür stand; ein Klopfen, da sprach ich auch schon mit ihr, der Mutter, und musste so der Wahrheit ins Gesicht blicken: meine Feigheit, meine Fehler, meine kindische Unbesonnenheit hatten hier auf mich gewartet. Die Kälte, die ich noch auf meinem Gesicht spürte, sickerte in meine Brust. Und ich dachte, ich hätte die Vergangenheit akzeptiert.  Da fiel Ihr Name, meine Neugierde flammte auf. Trotz alledem wollte ich mich nach ihr erkundigen! Schnell aber war er verschwunden, dieser Impuls, zu schwach und reizlos. Ein Satz riss mich aus meiner Zerfahrenheit – ein Satz, der in meinen Kopf donnerte; ein Satz, der endlos in meinem Kopf wiederhallte: „Ich habe sie heute gefragt, ob sie dich sehen will.” Etwas in mir erwachte – „Ihre Antwort war nein.“
Etwas schrie.
Das hatte ich nicht erwartet, geschweige denn vorhergesehen.
Dass sie mich nicht sehen wollte! Das Wohnzimmerfenster klapperte. Ich verlor mich in Gedanken. Gedanken, die immer und immer und immer wieder um ihre Entscheidung schwirrten. Was sagt das bloß über sie aus? Und über mich? Über uns? Unsere Vergangenheit, und die Gegenwart…?
Abschied. Es war wohl der letzte Tag, das Finale. Das offizielle, zu akzeptierende Ende: Ungewissheit und Unbestimmtheit. Fast schon wie zwei tänzelnde Schneeflocken, die sich einst ungewollt berührt hatten, dann irgendwann verschmolzen waren, nur um sich im Chaos eines Schneesturms aufzulösen, zu verschwinden – wir.
Meine Sachen lagen immer noch auf dem Teppich verteilt – sie spotteten über mich. Jedes Teil als höhnisches Urteil über meine Feigheit. Schließlich verstaut, alles vorbereitet – der Abschied nahm ein letztes Mal Gestalt an: ein Blick in ihre Augen, eine liebevolle Umarmung – vorbei. Raus in die Kälte, überladen mit Ramsch, und das Etwas in mir begann zu flüstern: willst du sie nicht besuchen? Den alten Weg ein letztes Mal gehen? All die Gefühle… denk bloß an ihre Unschuld, ihre Zierlichkeit, ihre bezaubernde Schönheit… sie ist doch ganz nah… Doch ich war entschlossen. Entschlossen loszulassen, entschlossen zu akzeptieren, das Leiden aufzulösen. Ich schritt durch den leeren U-Bahntunnel. Dasselbe weiße Licht, die hallenden Schritte, nur sie nicht an meiner Seite. Zögernd blieb ich stehen. Ich blickte hoch zu ihrer Wohnung. Was würde es bringen? Was könnte es bringen? Für wen wäre es? Hast du dich heute nicht entschieden?
Das musste ich wohl annehmen.
Dass es so schmerzt! So schmerzen kann! Abwesenheit, deine Abwesenheit! Ein Nichts, so mächtig, so zermarternd! Eine Kaskade von Erinnerungen brach in mir aus – ungefiltert, ungeformt. Irgendwo ein Hauch von Dankbarkeit. Die Schwere wurde leichter. Plötzlich. Mein linker Fuß schmerzte bei jeder Stufe. Die Zeit dehnte sich. Ziele wurden unwichtig. Nur das Jetzt zählte. Etwas Neues in dem Alten. Etwas Neues in mir, ein neues Verhalten – ein neues Ich, ein Triumph über das Alte! Was auch immer du tust, es ist gut, es ist wohl dein Recht. Ich habe nichts zu wollen, nichts zu erwarten, erst recht nichts zu verlangen. Zeit, deine Entscheidung zu achten. Deine Entscheidung, hier im Winter, in deiner Heimat – ich muss dich gehen lassen! Dir hatte ich das alles aufgezwängt! Du musstest mich gehen lassen. Damals. Hassend oder nicht, du hattest keine Wahl! Keine Möglichkeit – ich hatte mich ihr entzogen. Die Trennung war so plötzlich gekommen. Der richtige Zeitpunkt? Der Einzige. Dass du mich nun scheinbar hasst, schmerzt, ist aber erträglich. Auch wenn ich hier bin, und so gern in deine Augen blicken oder deine Haut berühren, dich fühlen, dich einatmen würde…
Es war zu spät. Die U-Bahn fuhr ein und in der Hektik riss ich mir beim Aufschnallen meiner Taschen die Kopfhörer aus den Ohren. Rein, ein freier Platz, mein Zeug, leeres Ich. So oft. So oft. So oft. So oft, so oft, so oft. Und dieses Mal war doch so wunderbar – anders. Schwer und schmerzhaft, gleichzeitig aber auch leicht und liebevoll, offenbarend.
Mein Leiden fand dort sein Ende, denn ich hatte eine Entscheidung getroffen: zu akzeptieren, egal wie sehr ich mich nach ihr sehnte. Ausleben könnte ich meine Sehnsucht in der Fantasie; die Wirklichkeit war hinzunehmen. So sehr ich es auch empfinden wollte, heute war das Leiden vorbei. Die Liebe hatte wieder gesiegt, wie bei jedem unserer Abschiede – ein letztes Mal.

 

Berlin, 09.01.18