Bewusstseinsstrom und der Blog

Das Privileg ein Mitglied in einigen Autorenverbänden zu sein zeigt auch auf, was in der Literaturszene verpönt ist, bei den zeitgenössischen Schreiberlingen, die das Schreiben ernst nehmen: der Bewusstseinsstrom – stream of consciousness – wie man so schön sagt.
Daran wird eben kritisiert, dass das Ich des Schreibenden seine Weltsicht und sein Erleben für derart besonders und mittelungswürdig empfindet, dass unabhängig jeglicher Text-Aufbau-Kompetenz, die Gedanken aus dem Kopf aufs Papier – oder eher in den Laptop – gehämmert werden, unter der Erwartung, das nächste große schriftstellerische Genie zu sein.
Klassische – konservative – Strukturen, die einer guten Geschichte zugrunde liegen (Charakter, Ort, Geschehnisse, Peripetie, Symbole, Tragik, Komik, usw., usw.) werden dabei (un)gekonnt ausgeblendet durch die narzisstische Euphorie, dass man gerade tatsächlich zusammenhängende Wörter, Sätze aufs Papier – wobei ein neuer Gedanke dann unmittelbar den vorherigen Gedanken abwürgen darf und man, als Leser, die Aussage des ursprünglichen Gedankens kaum verstehen kann – ja weil der Bewusstseinsstrom eben so hin- und herspringt! Und dies ist ein unglaublicher Trend in unserer Zeit. Arthur Schnitzler hat es – denke ich – zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum als Tropus benutzt; der wahnsinnige Joyce ebenfalls – nur die konnten auch Geschichten schreiben; und genau das ist es, was mein geschätzter Freund Max an den neuen, jungen Schreibern kritisiert.
Gut, es ist ein Einstieg, ein moderner, in die Welt des Schreibens. Nur gibt es wenig Schlechteres, als sich so jäh wie möglich davon zu lösen. Max’ Kritik weitet sich auch aus auf jegliche Blogeinträge, die ja in ihrer Form oft den Bewusstseinsstrom verwenden – so wie ich das auch tue. Was mich auf den abgezielten Punkt dieses Textes bringt.
Von allem Textlichen, das sich hier auf der Website befindet, werden die Blogeinträge am meisten gelesen. Und ich frage: warum? Prosa = Geschichten = langweilig? Von Lyrik, meiner tiefsten Leidenschaft, will ich gar nicht anfangen (Übrigens sind solche Neben- und Gedankenstrich-Sätze auch ein Zeugnis des Bewusstseinsstrom; bloße, redundante Information über den Verfasser des Textes, die genauso gut weggelassen werden könnte, weil sie an der Grundaussage nichts ändert. Nichts. Und was hat der große Aristoteles mal geschrieben, in seine Poetik? “Denn was ohne sichtbare Folgen vorhanden sein oder fehlen kann, ist gar nicht ein Teil des Ganzen.”)
Zurück zum Ziel: warum werden Blogeinträge so gern gelesen? Weil’s alle tun? Weil ungefilterte, rücksichtlose Ehrlichkeit des Schreibenden? Mit dem voyeuristischen Element für den Lesenden, der einen Einblick in das Wesen des Autors erhält? Ist das hier nichts als Pornographie für den Intellekt? Bloghub.com? Mein lieber Max hat ebenfalls gemeint, dass die Aufgabe eines guten Autors nicht das Beantworten von Fragen, oder das moralische Werten ist, sondern das Aufzeigen von Verhältnissen, in einer so unterhaltenden und tiefen Weise, dass es den Leser nötigt, sich selbst einen Kopf über das Aufgezeigte zu machen. Nun gut, dann bin ich also still.
Warum liest du das hier?