Besser spät als nie – Verschwörungstheorie

Der eigentliche Monatsplan für diese Website war zu jedem Monatsende einen Blogeintrag zu schreiben. Zu viel Arbeit und notwendiger Urlaub haben dies vertagt. Zwei Wochen. Naja. Soll schlimmeres geben. Wie zum Beispiel das Reserve-Polizeibatallion 101. Kann mir kaum vorstellen, wie es C.R. Browning dabei ergangen sein muss, diese Hölle aus der Vergangenheit auszugraben. Verrückt. Glaubensgrenzend. Man hört ja doch von Verschwörungstheorien einer flachen Erde, oder, dass die Mondlandung 1969 nicht stattgefunden hätte. Bei letzterem kann ich nach Brownings Lektüre zumindest ein intuitives Zweifeln nachvollziehen – es ist doch unvorstellbar, das 250.000 Menschen an einem Strang gezogen, für das eine Ziel, den Mond zu beschreiten, unerschöpflich gearbeitet hätten – haben.
So etwas kann der Mensch halt auch.
Und dann, wenn man erst in den letzten fünfzig Jahren ins Leben geboren wurde, verhätschelt, wie es in gewissen Teilen des Westens eben war und noch ist, scheint es fast selbstverständlich, dass so etwas unmöglich ist, weil die eigene Vorstellungskraft zu hart verkümmerte in dieser alles-ist-da-und-verfügbar-Verbundenheitswelt; und dass die eigene Weltsicht als die exakte wahrgenommen wird, ist sowieso logisch. Wer sind denn schon die anderen – Perspektiven? Aber … es geht halt doch mehr. #workhardplayhard, oder so?
Beim ersteren, den Flacherdlern, ja da ist es doch auch ganz klar; empirisch basiert: ich sehe überall einen geraden Horizont, und keinen gebogenen. Geschweige denn: runden. Was faseln da die Studierten von so einem Globus, einer kugeligen Erde? Blödsinn. Lüge. Manipulationsinstrument. NICHT MIT MIR! Denn allen Institutionen, die irgendwie öffentlich wirksam sind, darf nicht getraut werden! Und diese – Wissenschaft ist sowieso die größte Verschwörung überhaupt, auf diesem korrumpierten Gesellschaftsboden, der irgendwie alles zusammenhält, trotz der vielen Würmer und Maden, die immer größere Löcher in dieses wertlose Lügenfundament fressen – wozu brauchte ich auch nur irgendetwas davon?
Zum Glück gibt es ein wenig grünende Freiheit darauf, sodass auch ich Glaubensbrüder und Glaubensschwestern, Glaubenstransen und Glaubensunentschlossene in einer Glaubensgemeinschaft finden, dazugehörig und unallein sein kann. Alles ist ja getürkt. Zigeunerschnitzel. Chinesen kopieren, lachen falsch. Deutsche haben keinen Humor – hups! Da bin ich wohl auf den Pfad der politischen Unkorrektheit, auf dem Klischee-Steine liegen, abgerutscht. Darf man ja nicht mehr sagen, so was. Aber bevor ich zurück auf die eigentliche Fährte steige: Amerikaner sind oberflächlich, steht da vor mir in den staubigen Boden geritzt. Das sieht man vor allem an Joe Rogan.
Die Verschwörungstheorie aber, auf die ich ursprünglich hinaus wollte (und die meines Wissens nach sogar gesetzeswidrig ist), ist die, die den Holocaust leugnet. Und genau da finde ich die Grenze des Glaubens wieder, als verhätscheltes Kind der Neuzeit. Es ist unfassbar, unbegreiflich, un – nichts, selbst nicht das seltsam beklemmende Gefühl, das darauf folgte, als ich mit eigenen Füßen, neben anderen meiner Schulklasse, damals, auf dem erloschenen Höllenboden eines Konzentrationslagers stand – selbst das schafft es nicht, bis heute, diese menschliche Grausamkeit in meine Hände zu legen; es fassbar, in echt besehen zu können. Betasten. Erleben – Zumindest für mich nicht. Da bleibt nur Lektüre, Filme, die einen um den Verstand bringen. Ekel. Hass. Menschen haben das gemacht. Ich bin ein Mensch. Wie? Wie? Wie, verdammt nochmal, wie?
Und bei diesem Wie hat Browning, finde ich, seinen Geisteshebel angesetzt, ihn kräftig nach unten gezogen, und gezeigt, wie. Und es ist so schrecklich. Etwas, das niemals nie zu vergessen ist. Diese Perversion. Diese abstoßende Finsternis, die aus dem Innersten des Menschen kommen kann. Und man selbst ist ja auch Mensch. “Ich nicht!”, penetrierte meinen Kopf, während Brownings Lektüre. “Ich bin sicher nicht so! Egal, wie die Umstände” – naiv. Blauäugig. Um solch einer Seelenpest standzuhalten brauch es mehr, als ein: ich nicht, oder: ich würde das niemals tun. Da muss was in der eigenen Tiefe erbaut werden, und dann jeden Tag gepflegt, jeden. Geschmiedet, geschliffen, poliert, jeden Tag. Dann vielleicht. Dann vielleicht, kann man sich diesem Bösen im eigenen Innern, diesem Mörderischen widersetzen. Aber da reicht nicht ein einziges Mal. Immer wieder. Immer wieder, Kampf, Krieg, im Innern – wenn, und das ist ein schweres Wenn, die – sagen wir mal: dunkle Macht, Chaos, Shiva, Satan im Inneren aufkommt, grinst, verlockt, und zur Selbstvergiftung führen will.
Die gute Nachricht: Bin noch keinen Menschen in meinem Leben begegnet, der diesen zeitweiligen Krieg nicht auszutragen hatte. Ob er ihm entgegendrängt oder ihn zu ersaufen versucht, ist wieder eine andere Geschichte.

Bis nächsten Dienstag.