Wie man in einem Zugabteil Kekse isst

Als erstes braucht man einen dem dekadenten, westlichen Zeitalter entsprechenden leibigen Körper, der in Kombination mit dem nach einen zuckrig-gefüllten Magen gierenden Teil seines Gehirns jegliche Zeit ohne Nahrung als Extremsituation empfindet, um so eine der besonderen Formen des Übermenschen im gestopften Europa zu präsentieren: ein Überesser. Als Überesser findet man sich irgendwann an dem Punkt, an dem man seit Jahrzehnten den ganzen Tag lang isst: nicht die Menge, aber ständig; ständig in Verbindung mit allen Trivialitäten des Alltags: ob beim Fernsehen, oder Toilettengang, beim Zeitungslesen oder ein kleines Mitternachtshäppchen zwischendurch.
Als zweites braucht man eine 4-köpfige, männliche, chinesische Reisegruppe, deren hinterlistig leises, introvertiertes Sein durch das gebannte Starren auf ihre Digital-Diktatoren fast vergessen lässt, dass sie sich auf einer im Leben einmaligen, unvergleichlich kulturell bereichernden Europa-Rundreise befinden. Als drittes braucht man ein Zugabteil und als viertes einen Besserwisser, der das Ganze humoristisch einzufangen versucht.
Nun sitzt beim Gang, auf einem der sechs derart falsch konzipierten und nach Bandscheibenvorfall schreienden, mit einem 30.000 Jahre menschlicher Kunstgeschichte zernichtenden Muster überzogenen Sesseln, ein, die österreichische Waggon-Ästhetik erst vervollkommnender, älterer, fetter Serbokroate, der während seiner Kronen-Zeitung-Lektüre einen Apfel isst. Einen sehr frischen Apfel sehr geräuschvoll isst – immerhin ein Apfel! Ganz nach der Volksweisheit: “Ein Apfel am Tag lässt den Doktor in Prag”, oder so ähnlich. Nun scheint aber unser älterer, dicker Überesser eine derartige Vitaminlawine nicht gewöhnt zu sein und langt nach etwas laut Knisterndem in dem zwischen seine Beine geklemmten Rucksack: aus den Tiefen des Sackes holt er liebevoll eine von durchsichtigem Plastik beschützte Mandel-Butterkeksration hervor – am Gang läuft eine hübsche Tschechin vorbei und wird, von den 4 Asiaten einmal abgesehen, angesehen – ha! Beinahe wäre die Kekspackung in Vergessenheit geraten, hätte der wackelnde Zug nicht die auf der dicklichen Hand thronende, synthetische Süßigkeitsumhüllung zum knisternden Erzittern gebracht: ohnmächtig wandern die Pupillen des Überessers von dem wohlgeformten tschechischen Hintern auf die schon ihren künstlich süßen Duft verbreitenden Mandelplätzchen.
Hastig wie lärmerfüllt öffnet er sie: seine fetten Finger greifen hinein, berühren den obersten Keks, den er zittrig der Packung enthebt – an seinem Mundwinkel glänzt ein Speicheltröpfchen, da tut sich der Schlund weit auf, ein alter Zungenlappen gleitet heraus, und zärtlich wird die Mandelsüßigkeit darauf abgelegt – dann, in der Perfektion einer jahrzehntelang einstudierten, gleichmäßigen Bewegung, zieht sich die Zunge in das dunkle Loch zurück, die dünnen Lippen verschließen den heiligen Kauraum und mächtig, mit der Kiefermuskulatur eines Mannes, der den Jugoslavienkrieg durchlebt hat, zermahlt er das Hartgebäck zu Staub. Als ob er Schrauben kaute: ein die Stille im Abteil zerstörendes Krachen, das von den 4 Flaum-tragenden Pickelgesichter entweder gekonnt überhört oder überhaupt nicht gehört wird – immer noch kaut der Überesser am selben Mandelbackwerk, kaut und kaut derart laut auf den doch mittlerweile geweichten Mandelbrei in seinem Mund, dass die Frage aufkommt worauf genau er denn kaue, und endlich ertönt das erlösende Schluckgeräusch; gleich darauf fährt die Hand ein weiteres Mal in das unüberhörbare Plastiksäckchen, und die Prozedur wiederholt sich, und wiederholt sich, und wiederholt sich …
Bald schon können seine Stummelfinger das in eine ovale Form gebackene Glück nicht mehr durch die zu enge Verpackungsöffnung erreichen, und trotzdem versucht er seine kurzen Handauswüchse tiefer und tiefer, ohrenbetäubend tief hineinzuzwängen; er streckt die Finger, lang macht er sie – und staunt kurz über diese so selten verspürte Mobilität seiner Digiti – aber die nächste Mandelköstlichkeit bleibt außer Reichweite. Jetzt muss er kreativ werden. Schon hebt er den glänzenden, beträchtlich kleiner gewordenen Keksbeutel in die Luft, legt den Kopf in den Nacken, öffnet das eine, nicht unbedingt schönere, doch im Gesicht liegende Ende seines Darms und schüttet sich in kindlicher Manier mehrere Kekse auf einmal in den Rachen – kaum hat er dies getan, wird ihm plötzlichst bewusst, was soeben geschehen ist, und er hält inne: mit flüchtigen Blicken schaut er durch das Zugabteil, setzt die das Kekssäckchen haltende Hand auf seinem fassgleichen Bauch ab, in ebendem er wohl ein Unwohl spürt – sein mit der Insulinproduktion überfordertes Gewissen erbricht sich scheinbar und lässt ihn, mithilfe der ihn immerhin bis in dieses Alter gebrachte Vernunft, widerwillig, beinahe traurig, die mit einem einsamen Mandelknusperchen verlassene Packung behutsam wie hörbar in seinen Rucksack verstauen, aus dem er dann eine Heute-Zeitung raschelnd hervorkramt und sie sich auf den Schoß legt. Aus irgendeinem Grund wird er schläfrig. Er beäugt das Bildungsblatt vor sich, doch ohne große Wehr gibt er dem Zug an seinem Kopf nach, der vor kippt, von seinem Dreifachkinn gestützt wird und so sinkt unser Überesser in ein sanftes, von gleichmäßigen, deutlich vernehmbaren Atemzügen begleitetes Dösen.

Zugfahrt in die Steiermark, 2019