Ein Lebenszeichen

Status Quo: die Rohfassung eines Buches (erster Teil einer Trilogie) wird gerade überarbeitet. Diesen wahnsinnigen Prozess habe ich ganz frech unterschätzt.

In der zweiten Jahreshälfte wird eine Anthologie zum Thema “Loch in dünner Zeit” erscheinen (PEN) – ich gehöre zu den Glücklichen, deren Worte man in dieser Anthologie wiederfinden wird.

Dienstag ist ab nun der “Ich-melde-mich-Tag” – Gedichte, Texte, Kurzgeschichten, ungefilterte Gedanken oder die neuesten Bilder werden dienstags veröffentlicht.



-Ciderot

Text: Kontrollzwang

Wenigstens kann ich behaupten zu wissen wie das Wetter morgen sein wird. Oder aber betonen, dass die gestrige Erfahrung schöner gewesen wäre, wenn die Umstände anders. Zum Glück ist es ja auch nicht so schlimm, wie vielleicht befürchtet – es könnte ja doch anders kommen, wenn es anders gekommen wäre.
Ach! Als ob ich mich danach sehnen würde – mein Gedankenapparat suggeriert es mir halt. Und das ist auch alles sehr leicht zu verstehen: ein Potenzial entsteht, ohne Aussicht auf Auflösung, schon rattern Wahrscheinlichkeitsszenarien durch meinem Kopf. Passend dazu erhöht sich mein Blutdruck, die Atmung wird kürzer und in die obere Brust verlagert – und das ganz sorgenfrei!
Ob ich mir bewusst bin, dass mein Körper auf diese selbsterzeugten Vorstellungen in der Wirklichkeit reagiert? So bekommt Selbstunterhaltung doch erst seinen ganz unsinnigen Beigeschmack! Selbstunterhaltung, die mich von echten Konsequenzen fernhält. Und wer möchte denn schon in dieses unangenehme Verantwortungübernehmen gedrängt werden? Irgendwo ist doch auch mal Schluss! Immerhin habe ich eine gewisse Erfahrung, die all das rechtfertigt: all das Denken, all das Festhaltenwollen, all die Sicherseinsehnsucht – ich will doch nur ein bisschen Sicherheit. Sicherheit mit ein wenig Klarheit obendrauf – es kann ja wohl kaum sein, dass nach all der Zeit dieses ganze chaotische Leben immer noch nicht eindeutig ist! Zum Glück gibt’s da die Nachrichten. Und zum Glück habe ich eine Stimme, mit der ich mitteilen kann, was ich gerade wahrnehme, oder was wahrscheinlich passieren wird oder passieren könnte, oder was das Jetzt noch schöner oder hässlicher macht, wenn es denn einträte – im allerstillsten Fall hab ich noch meine Erinnerungen, meinen riesigen Schatz an Erinnerungen! Außer ich werde dement. Oder sterbe unvorhergesehen.


Wien, April 2019