Der Wirklichkeitsanker

A: Wachen Sie auf.
B: Ich … ich habe geträumt!
A: Sagen Sie mir, was Sie sehen.
B: Farben?
A: Sehr schön. Und weiter?
B: Strukturen?
A: Ein Wirklichkeitsanker … noch etwas?
B: Gesetz…mäßigkeiten.
A: Wir nähern uns. Vielleicht sehen Sie auch eine Kuh?
B: Eine Kuh?!
A: Also sprach Zarathustra.
B: W-wer?
A: Nein, das würde den Rahmen jetzt sprengen.
B: Was?
A: Naja, Nietzsche.
B: Aber wie …?
A: Weil es Ihr Denken zu sehr fördert – die Zeit drängt!
B: Wo-wohin?
A: In die Zukunft!
B: Ich glaube, ich bleibe lieber hier …
A: Warum?
B: Weil –
A: Weil Sie wachsen könnten?
B: Wachsen?
A: Natürlich!
B: Sie meinen Wachstum? Natürliches Wachstum?
A: Ist Wachstum nicht immer natürlich?
B: Vielleicht … ja … wenn man die Natur bedenkt.
A: Oder gleich alles!
B: Was sagen Sie da?
A: Om – Nichts.
B: Nichts?! Sie verwirren mich.
A: Ich denke: Sie verwirren sich.
B: Das wage ich zu bezweifeln.
A: Sie verwirren sich also nicht?
B: Ich glaube eher … das Gegenteil?
A: Entwirr‘ ich Euch also!
B: Ja, so in der Art. Genau.
A: Ahh, die Präzision!
B: Exakt?
A: Auf den Punkt!
B: Aber ist der nicht zu klein?
A: Er kann gar nicht klein genug sein!
B: Ich dachte: es gibt ein Kleinstes.
A: Das stimmt.
B: Sie meinen: das ist richtig?
A: Ein zu schweres Konzept.
B: Was? Richtig?
A: Genau.
B: Präzision?!
A: Ja! Was bedeutet richtig für Sie?
B: Vielleicht … das, was nicht falsch ist?
A: Und was bedeutet für Sie falsch?
B: Ehm … wissentlich … Unnötiges tun.
A: Und unwissentlich!
B: Aber – das kann ich doch nicht wissen!
A: Sie sind also verantwortungslos?
B: Verantwortungslos? Ich bin doch volljährig!
A: Das ist nicht wahr.
B: Wirklich? Jetzt kommen Sie mir mit Wahrheit?
A: Natürlich. Sie ist der rote Faden.
B: Faden wovon?
A: Von Gottes Unterhose!
B: Gottes … ?!
A: Glauben Sie, er trüge keine Unterhose?
B: Ob ich glaube – was?!
A: Hören Sie zu: das Leben wartet auf Ihren Tod.
B: W-wie k-können Sie – v-verlangen, dass ich –
A: Neineinein! Niemals würde ich Ihren Tod verlangen!
B: Also … verlangen Sie nichts?
A: Wie sollte ich Nichts verlangen können?
B: Sie haben doch gerade gesagt, dass der Tod nur auf mich wartet!
A: Und?! Das heißt nicht, dass sie aufhören sollen zu leben!

Wien, Urselbrunnengasse, 2017