Greif nach den Sternen. Dann hol ich mir unsern #FEFA“. Das hatte Elan Moschus vor Wochen gepostet. Auf seiner Social-Media-Plattform Y, die er dann auch noch in Yps-Elan umgetauft hatte. Die Medienlandschaft war aufgewühlt, Falco Seidl dagegen belustigt gewesen.
Für ihn war Moschus‘ Genius längst zerfallen in eine stumpfe Geilheit nach Aufmerksamkeit. Erkannt hatte er das in einem Podcast. Moschus war gefragt worden, wie er neben allem, was er tue, auch noch der weltbeste Spieler des von Millionen gespielten Online-Spiels Path of Exile 2 sein könne. Daraufhin hatte er nur schief gelächelt und gemeint, zocken beruhige ihn. Er habe dazu zwar nur Zeit, wenn er in seinem Privatjet fliege, aber zumindest könne er im Livestream mit der Community connecten; er sei ja auch nur einer von ihnen. Dass sein erster Platz aber nur an gekauften, professionellen Gamern aus China lag, hatte er verschwiegen – und Falco sogleich gepostet: „@Elan Moschus kauft sich Mütter für die Eier und Chinesen für den Schwanz. Weltbester Spieler im Schein #Kapitalmachtfrei“. Unerwartet trendete dieser Post dann tagelang, pushte Falcos Follower auf über 800.000 und brachte ihm ein Sponsoring ein, das ihn den Schritt zum selbstständigen Investigativjournalisten ermöglichte – mit besonderem Fokus auf jenen südafrikanisch-kanadisch-US-amerikanischen Geltungswahnsinnigen.
Dem „Greif nach den Sternen“-Post war dann ein großes online-Event gefolgt zum Projekt FEFA: Freie Energie Für Alle. Mit seiner Firma SpaceM habe er nicht nur für sein globales Internet E-Lan Satelliten in den Erdorbit geschossen, sondern auch zur Sonne. 40.000 Stück kreisten dort nun und wären dabei, sich untereinander zu verbinden mit unzerreißbaren, hitzeresistenten, vielfaserigen und leitfähigen Nanosträngen. Diese würden sich dann entfalten zu einem gigantischen Sonnennetz, welches schließlich hyperpotente Laser an den Satelliten betriebe. Und das so erzeugte, maximalenergetische Licht würde dann in Stößen zu erdennahen Sammelstationen geschossen und von dort kontinuierlich auf revolutionär innovierte Photovoltaikanlagen im Pazifik gestrahlt. 30.000 Terrawattstunden würden diese Anlagen jährlich produzieren. Damit wäre mehr als der gesamte Strombedarf der Welt gedeckt. Vor jubelnder Menge hatte Moschus das verkündet und dann verklemmte Freudensprünge gemacht – „Und das ist nur die eine Seite von FEFA!“, hatte er gerufen, „Darauf hätte der gute Jeff Bösos auch kommen können! Der alte Amazon-Affe … eigentlich hätte jeder drauf kommen können, dass Sonnenstrahlen nichts als schwache Laserstrahlen sind! Und was sag ich immer? Wo die Natur zu schwach ist“, hatte die Menge mit ihm gesagt, „muss der Mensch nachhelfen, genau! Drum wird unsere Solarenergie-Stimulationskollektoren-Technologie den Markt radikal verändern! Ja, genau! Die Aufmerksamen unter euch werden es gerade gehört haben: Stimulation! Energiegewinnung ist das eine, Stimulation ist das andere, jaah! JAAAH! Mit unseren FEFA-Satelliten können wir die Sonne beeinflussen! Würden wir sonst irgendwo einen Kernfusionsreaktor einfach sich selbst überlassen? Nein! Drum kann unsere Technologie Sonnenstürme zum Beispiel abschwächen oder ganz vermeiden! Eine Apokalypse weniger für die Menschheit! Und dazu noch FEFA: freie Energie für alle! Zwei zum Preis von einem – nämlich mir, dem neuen Sonnenkönig“, und er hatte wie immer so manisch ulkig gelacht.
In den folgenden Wochen war Falco Seidl amüsiert geblieben, die Medienwelt hingegen immer weiter ausgerastet. Dauerschleife von Expertenmeinungen, Laienanalysen, Streitgespräche, Verschwörungen, Spott, Deepfakes und kontextbefreite Clips zum Besten oder Schlechtesten Elans. Aber niemand sprach das Eigentliche an: Warum war Moschus so bemüht, die Welt zu retten, wenn er doch um alles in der Welt zum Mars wollte? Das war ja der gleiche Schwachsinn mit seinen Moschus-Mobilen. Elektro-Autos, um den Planeten zu retten. Kein CO2-Ausstoß, dafür giftige Batterien, die auch noch größtenteils ungrünen Strom verbrauchten. Innovation hieß Problemverlagerung. Außerdem war Kohlenstoffdioxid die Nahrung der Pflanzen und der Planet in den letzten 50 Jahren um 25% grüner geworden – neuer Post von Moschus, jetzt, 23:41 Uhr. „Morgen keine Sonne. Damit alle mal die Klappe halten und einfach sehen. Oder vielmehr nicht, lol #FEFA“.
Falco schnaubte. Das war vielleicht ein bisschen viel. Selbst wenn FEFA nicht die reine Triebbefriedigung des notgeilen Moschusochsens war und die Solarenergie-Stimulationskollektoren-Technologie tatsächlich existierte und funktionierte: Aber die Sonne abdrehen? – „Dass Caligula mal jemanden erden könnte“, postete er darauf und hatte sofort 1300 Sichten, 76 Likes, 12-mal geteilt und 3 Antworten. Schmunzelnd klappte er den Laptop zu und blickte aus dem Fenster seiner Einzimmerwohnung. Sternenklare Stadtnacht. Ganze sechs funkelnde – und da kam wieder so ein Leuchtpunkt angeglitten, so ein scheiß Satellit, wahrscheinlich auch noch einer vom E-Lan– und da noch einer, verdammt nochmal! Dass der das wirklich einfach so hatte machen können! Den Himmel zumüllen mit diesen – Irrlichtern! Der Himmel gehörte niemandem; der war höchstens von allen! Und jetzt glitten diese verdammten Trabanten für immer durch alle Nacht. Ein Durchbruch in der Geschichte der Menschheit: Elan Moschus und sein Größenwahn – der bisher leider immer noch die Welt verändert hatte … morgen keine Sonne. Das war unmöglich. Und das musste Elan auch wissen. Nur warum dann würde er das schreiben? Für seine metaphorische Sprache war Moschus jetzt nicht bekannt. Oder hatte er wieder zu viel Ketamin genommen? – Oder nein, natürlich! Das war einfach die große Pointe der ganzen FEFA-Scharlatanerie! Um wieder im vollen Fokus der Welt zu stehen! – Den Sonnenaufgang musste Falco sich ansehen! Den musste er filmen und posten und – außerdem hatte er schon Ewigkeiten keinen mehr erlebt! Er googlete auf dem Handy nach dem exakten Zeitpunkt, 4:59 Uhr, stellte den Wecker auf 4:40 Uhr, nahm fünf Spritzer von seinem Melatoninspray und legte sich ins Bett neben seinem Bürotisch.
Alarmschrillen, Augen auf, 4:41 Uhr – was?! 14.667 neue Benachrichtigungen auf Yps-Elan?! Kommentare über Kommentare, überall @Falco Seidl, sein Name, dutzende Videos von der Sonne, die schlagartig verschwand, in anderen Zeitzonen – er blinzelte mehrfach. Und sah immer noch das Gleiche. Aber draußen – dämmerte es doch? Er stand auf. Ging ins Bad, machte sich fertig und mit Handy und Kaffee dann raus aus der Wohnung, rein in den Lift und rauf aufs frühfrische Gebäudedach.
Ein Grauen am Horizont, ein Blauen im Himmel, eine quietschende Straßenbahn, 4:56 Uhr. Sollte es nicht schon irgendwo glühen? Oder begann das erst um 4:59 Uhr? Logisch. Mit dem exakten Zeitpunkt des Sonnenaufgangs war wohl der Anfang der Morgenröte gemeint. Er nahm noch einen Schluck Kaffee. Ging hin und her, zwei Minuten noch, 234 weitere neue Benachrichtigungen – warum ging es da so ab, wenn es ja doch heller wurde? Er schüttelte den Kopf; eine Krähe landete in seiner Nähe. Hopste, sah ihn an, kreischte und flatterte davon. Eine Minute noch. Gleich kam das trübe Rot. Und dann das leuchtende Orange mit den aufgefächerten Strahlen und dann die goldgleißende Scheibe – 4:59 Uhr, Falco sah sich um. Nichts. Nirgendwo ein Glimmen, nirgendwo ein Zeichen, nirgendwo Osten. Nur grau und blau – das konnte doch nicht wahr sein – Glockenschläge! Fünf! Es war fünf Uhr! Und immer noch nichts – das konnte nicht wahr sein! Wie sollte Elan Moschus – wenn der Tag ja doch eindeutig anbrach – das musste irgendwie – fake sein! Irgendwie – er öffnete Yps-Elan. Berührte den blauen Kreis mit dem Pluszeichen und tippte: „Glaubt euren Augen nicht. Wär die Sonne wirklich aus, wär’s immer noch Nacht. Ich finde raus, wie @Elan Moschus #FEFAFake“. Das postete er mit einer Panoramaaufnahme vom Dach, leerte den lauwarmen Kaffee und kehrte zurück in seine Wohnung.
„Na und?“, tönte Moschus‘ Stimme aus dem Bildschirm über der Bar, „Dann weiß die Welt es halt. Wo ist das Problem?“
Falco trank noch vom Wein. Das Medienall war explodiert und er von Yps-Elan verbannt worden, weil er es aufgedeckt hatte. Mit Lasern von seinen 30.000 E-Lan-Satelliten hatte Moschus einen orbitalen Lichtfleck erzeugt, der in Wellenlängen schwang, welche die Wellenlängen des Sonnenlichts auslöschten; klassische Interferenz. Dadurch war sie wie verschwunden, die generelle Helle aber nicht. Das hatte Falco mit Posts von Videos und Artikel aufgedeckt und unmittelbar seinen Account verloren. Anschließend waren sein Handy und Laptop gehackt und Bankkarte gesperrt worden.
„FEFA“, fuhr Elan in dem Live-Interview fort, „war eine Hoffnung! Eine Idee, eine Inspiration für kommende Generationen! Und es hat niemandem geschadet! Außer vielleicht mir, dem eintägigen Sonnenkönig“, und er lachte ulkig manisch. „Aber Spaß beiseite, meine Absicht war eine gute gewesen! Im besten Fall hätte ich einen Hebel gehabt, um die ganze Welt zu vereinen: Ihr kriegt die Sonne erst wieder, wenn ihr alle den Vereinigten Staaten beigetreten seid! Im Sinne der EU, nur halt USA-Style. Ich wollte bloß das großartigste Land der Welt zum Weltland machen! Leider ist der schlechteste Fall eingetreten …“
Falco seufzte, und leerte das Glas.
 „Macht durstig, ha?“, fragte der Barkeeper und hob die Weinflasche, Falco nickte.
 „Danke“, und er nahm einen kräftigen Schluck. „Ich hab alles verloren.“
 „Wegen dem?“
 „M-hm.“
 „Was einer anrichten kann, wenn Mama und Papa ihn nicht genug geliebt haben, ha?“
 „Ich war der Journalist!“, rief Falco. „Ich hab das Ganze aufgedeckt! Aber das ist einfach egal! Dem ist das egal, der Welt ist das egal – oder spätestens in zwei Wochen! Die Wahrheit ist egal geworden, verstehst du? Meine Wahrheit! Und jetzt ist meine Karriere vorbei! Mein Y-Account gesperrt, meine Followerschaft weg, mein Sponsoring wahrscheinlich auch, mein Handy, mein Laptop, mein Bankkonto, einfach alles! Ich hab nichts mehr, verstehst du? Gar nichts mehr!“  „Aijaijai … aber zahlen kannst du schon noch, oder?“

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