Das Meer ruht mich an. Hier, im Roten Hafen Sloweniens. Die Morgensonne strahlt durch die frische Frühe – und ich bebe: Hat doch unser Alsergrunder Autovermieter eine absurde Diskussion begonnen. Das Motoröl, das ich seiner Sorglosigkeit wegen besorgen musste, war ihm zu teuer.
Keine Stunde waren wir, meine Freundin und ich, auf der Autobahn unterwegs gewesen, als das Vehikel piepsend kreischte: Bei nächster Gelegenheit 1 Liter Motoröl nachfüllen! So fuhren wir zur nächsten Tankstelle, kauften das vom Vermieter empfohlene Öl um 41,99€ und gossen es in den dampfenden Kessel. Und zum Dank für die Erledigung dieser seiner Aufgabe empörte er sich bloß: Der Preis sei jenseits von Gut und Böse, er wolle ihn nicht bezahlen. Wir sollten die Hälfte übernehmen, da ihn das Öl üblicherweise nur ein Viertel des von uns bezahlten Preises kosten würde.
So wendeten wir uns an die Vermittlungsgesellschaft. Die schlug vor, die Hälfte unserer Hälfte zu übernehmen; daraufhin rief ich die Servicehotline an. Der jungen Frau am Telefon erklärte ich, dass es hier um etwas Fundamentaleres als den lächerlichen Betrag von 21€ beziehungsweise 10,50€ ging: nämlich um eine moralische Haltung! Um einen Grundsatz der westlichen Gesellschaft: Eigenverantwortung. Doch um einen größeren Konflikt zu vermeiden, so meinte sie, seien sie bemüht, eine kulante Lösung für beide Parteien zu finden – mit meinem Geld! Beinahe hätte ich eingelenkt, beendete das Gespräch aber mit den Worten: Ich melde mich noch mit einer Entscheidung.
Während all der Auseinandersetzung war ich zu meiner Überraschung entspannt geblieben. Nur war die eigentlich selbstverständliche Lösung dieses Problems jetzt uneigentlich gemacht worden, aus reiner Konfliktscheu und Kapitalismusverseuchung. Auf der einen Seite er – dem Profilbild nach ein Mitte 30-jähriger Wirtschaftler aus Deutschland, der sich um seinen 17 Jahre alten 1er Sport-BMW gekümmert hatte, wie Hitler um seinen täglichen Scheitel. Er war überzeugt, dass wir mit Absicht ein teures Öl gekauft hätten, und es sicher nicht fair wäre, wenn er für die Zusatzkosten ganz aufkommen müsse. Auf der anderen Seite ich – ein Anfang 30-jähriger Künstler, der an seinem ersten Urlaubstag mit dem absurden Kleingeist, dem verletzten Kind und dem gefräßigen Ego des Vermieters zu vollem Unrecht konfrontiert wurde.
Man könnte ja auch einfach nachgeben! Ich könnte auch einfach nachgeben. 10,50€ waren eigentlich nicht der Rede wert. Aber es bebte so laut und stark in mir, dieses Prinzip, diese Stimme, dieses Gewissen, diese Haltung, die zu verkennen, Verrat an mir selbst bedeuten würde! Es ging um Gerechtigkeit. Das Antidot zur Sanftmut? – Schwert statt Friede steht im Matthäusevangelium … doch Mut zur Sanftheit? Dem Geschehen mit unendlicher Weichheit begegnen? Das war zu östlich. Zu buddhistisch, zu zart – zum Kotzen. Mit mir nicht dagegen war so schön kraftvoll, eigensinnig, eigenwillig und behauptend – westlich. Und dazwischen die Kluft unseres Lebens. Gefangen zwischen friedlicher Ruhe und trennender Gefühlsfülle: der Mensch … Friede tut gut, bis er schadet; Krieg schadet, bis er guttut. Das kosmische Drama – in meinem Urlaub.
Und auf dem weitglatten Meer treibt ein Motorboot dahin … zum morgensonnigen Hafen von Portorož.

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