Texte aus der Reisezeit – Zürich und Barcelona

Irgendwann im Jahr 2017 hat mir ein gewisser Herr Hosch die Wahrheit über meine damaligen Gedichte offenbart: voll von Unfähigkeit. Sein Ratschlag lautete: “Versuch’s mal mit Texten.”

Zürich – Das Geschnatter

Auf dem schwarzen See glitzert die untergehende Sonne in unzähligen, hellgelben Flecken. Mit den vielen kleinen Wellen flechtet sich daraus ein dynamisches Kunstwerk. Ein Kunstwerk, in dem hunderte Flügelwesen schweben, über diese seidige, schwere Substanz. Weiße Skulpturen gleiten durch dieses Wasser, voll Animus und Anima. Vereinzelt, hie und da, tauchen jene Figuren ihr Haupt in die flüssige Dunkelheit. Vielleicht, um zu sehen, was dort unten ist? Vielleicht, um sich zu säubern? Zu animieren?
Die Meisten aber sind versammelt, am Rande des Sees, denn dort werden sie gefüttert. Dort, weit aufgerissen, die gierigen Mäuler, schnatternde Schnäbel – diese Biester, die für einen Happen töten würden – ein Schlachtfeld droht! Jeder muss fressen! Jeder muss besitzen, besessen haben, haben! Gekreische, zu einem Wort: ICH!
Das Hungergefühl spielt keine Rolle mehr. Der Appetit spielt keine Rolle mehr. Die wütende Ichsucht hat all das ausgehungert. Das Wegnehmen zählt, den Feinden wegnehmen, das Dominieren, die Macht! Diese Vögel, voller Mangel, voll von Fehlendem.

Barcelona bei Nacht

Es stürmt und drängt, es blitzt und kracht, der Himmelszorn, erwacht: ein blauer Blitz jagt den nächsten, eine strahlend weiße Ader nach der andern droht den Himmel zu zerreißen. Graue, fette Wolken hängen in der schwarzen Nacht, die Sterne sind tot. Nichts funkelt, nichts glitzert.
Die schwach beleuchtete Straße dort unten fängt den platzenden Regen, lässt ratternde Autos und rauschende Busse über sich ergehen – stürmisches Barcelona.
Ich kenne dich nicht, Stadt, doch weckst du meine Lebensgeister; und die zwei mächtigen Birken rechts von mir schielen auf mich herab, auf mich Sprössling.
Sprössling des Lebens. Hinter vorgehaltenen Ästen flüstern sie, ich höre es. “Was dieses Wesen wohl vorhat? Wohin es wohl geht?” Der eine Baum fragt, während der andere zuhört und ich sie wie angewurzelt beobachte.
Zwei Motoräder dröhnen durch das Strömen und plötzlich spüre ich die Müdigkeit in meinem Körper. Ich bin da klingt es in meinem Kopf.

Herbst 2017