Ein Gedicht (aus der Reisezeit)

Die verpestenden Billigfluglinien erlauben armen Schluckern und Schluckerinnen in kürzester Zeit weite Strecken und gegensätzlichste Kulturen, sowie die einzige Konstanz in all dem Reisewahnsinn kennenzulernen:

Flughafen

Menschen irren umher.
Schweigen still.
Warten.

Irrende Menschen schwirren umher.
Verschlossen, voller Stress
stolzierend.

Menschen gestresst.
Die Stirn in Falten gepresst.
Ein Drängen, Suchen, Zittern.
Ein Träumen, Schlendern, Wittern …

Menschen gehen –
bedacht.
Hier ahnungslos, dort planlos und da:
Zweifel. Ebenda, Klarheit:

Bedenken, bedacht gehende Menschen in die Zukunft –
eine Richtung hinter dem,
was getragen, was geschmückt,
was hinter dem … wird?

Durch Achtung im Gesicht.
Der Körper spricht.

Paris – ein Reisebericht

Nach Barcelona folgte Paris und eine leicht beängstigende Erfahrung metaphysischer Objektsexualität ebendieser. Welche Stadt würde sich auch besser dafür eignen?

Paris

Ich geh’ durch deine Gassen, die so voll sind von Französischem, weiblichen Stolz … Zwischen edlen Restaurants und rotlippigen Schönheiten schlingst du dich um mich … eine sinnliche Umarmung. Du berührst mich im Gaumen, berührst mein Herz, meine Augen … Du schönes Paris. Du stilles, graues Paris.
Kaum zwei Stunden bin ich in dir, schon bin ich besessen, vernarrt, verliebt … Bezaubert … Ich will dich durchdringen. Ich will dich durchdringen, wie du mich empfangen musst! Aber längst schon sind wir eine Einheit, nicht? Eine Einheit, du und ich. Lodert unser Feuer denn nicht gemeinsam, jetzt, in dieser Liebesbeziehung – du, die Passive und ich, der Aktive?
Du Leidenschaft ergieß dich in mir, daran will ich mich ergötzen. Wenn sich unsere Säfte austauschen, wenn sie sich verbinden, vermischen, verschmelzen – plötzlich steh’ ich: es nieselt vom dunkel gewordenen Himmel. Nieselt auf mich. Und plötzlich: bin ich das Objekt? Das Objekt, das empfängt, das erhält, erfüllt – wird?
Ich liebe dich, Paris.
Du und deine Göttinnen … Ach, Paris. Du lehrst mich. Lehrst mich Leidenschaft, Sexualität, Sex, Lust! Zeigst mir die wunderschöne Polarität des Femininen und Maskulinen … Und wie sie eins werden können … könnten, heut Nacht. Wie sich mein und dein Körper, unsere Körper aneinanderschmiegen könnten, schwitzend, aufeinander gleitend, du und ich, von Stern zu Stern tanzend, während ich in dir, du um mich, und wir, ineinander, wenn … wenn wir alles vergessen haben, weil wir längst schon alles sind, weil nichts mehr zählt, und nichts mehr ist, weil wir nicht mehr sind, nur … noch … vereint

Oktober 2017

Texte aus der Reisezeit – Zürich und Barcelona

Irgendwann im Jahr 2017 hat mir ein gewisser Herr Hosch die Wahrheit über meine damaligen Gedichte offenbart: voll von Unfähigkeit. Sein Ratschlag lautete: “Versuch’s mal mit Texten.”

Zürich – Das Geschnatter

Auf dem schwarzen See glitzert die untergehende Sonne in unzähligen, hellgelben Flecken. Mit den vielen kleinen Wellen flechtet sich daraus ein dynamisches Kunstwerk. Ein Kunstwerk, in dem hunderte Flügelwesen schweben, über diese seidige, schwere Substanz. Weiße Skulpturen gleiten durch dieses Wasser, voll Animus und Anima. Vereinzelt, hie und da, tauchen jene Figuren ihr Haupt in die flüssige Dunkelheit. Vielleicht, um zu sehen, was dort unten ist? Vielleicht, um sich zu säubern? Zu animieren?
Die Meisten aber sind versammelt, am Rande des Sees, denn dort werden sie gefüttert. Dort, weit aufgerissen, die gierigen Mäuler, schnatternde Schnäbel – diese Biester, die für einen Happen töten würden – ein Schlachtfeld droht! Jeder muss fressen! Jeder muss besitzen, besessen haben, haben! Gekreische, zu einem Wort: ICH!
Das Hungergefühl spielt keine Rolle mehr. Der Appetit spielt keine Rolle mehr. Die wütende Ichsucht hat all das ausgehungert. Das Wegnehmen zählt, den Feinden wegnehmen, das Dominieren, die Macht! Diese Vögel, voller Mangel, voll von Fehlendem.

Barcelona bei Nacht

Es stürmt und drängt, es blitzt und kracht, der Himmelszorn, erwacht: ein blauer Blitz jagt den nächsten, eine strahlend weiße Ader nach der andern droht den Himmel zu zerreißen. Graue, fette Wolken hängen in der schwarzen Nacht, die Sterne sind tot. Nichts funkelt, nichts glitzert.
Die schwach beleuchtete Straße dort unten fängt den platzenden Regen, lässt ratternde Autos und rauschende Busse über sich ergehen – stürmisches Barcelona.
Ich kenne dich nicht, Stadt, doch weckst du meine Lebensgeister; und die zwei mächtigen Birken rechts von mir schielen auf mich herab, auf mich Sprössling.
Sprössling des Lebens. Hinter vorgehaltenen Ästen flüstern sie, ich höre es. “Was dieses Wesen wohl vorhat? Wohin es wohl geht?” Der eine Baum fragt, während der andere zuhört und ich sie wie angewurzelt beobachte.
Zwei Motoräder dröhnen durch das Strömen und plötzlich spüre ich die Müdigkeit in meinem Körper. Ich bin da klingt es in meinem Kopf.

Herbst 2017


Der Ich-melde-mich-Dienstag 2

2018 sind Menschen in mein Leben getreten, die für mich die ganze Schreiberei vom witzigen Hobby zur wahnwitzigen Berufung gewandelt haben – die kommenden Beiträge werden eine Rückblende sein.

Und beginnen wir mit einer Kurzgeschichte:

Der Spiegel


Silbern glänzende Oberfläche –
glasklare Augen sehn mich an.

Ich blicke in meinen Spiegel. Der Morgen ist hell und frisch, genau wie die funkelnden Augen, die mich aus dem Spiegel anstrahlen. Unglaublich, dass man so früh schon so gut aussehen darf! Noch einmal durch die Haare fahren, noch einmal den Kragen richten – hoffentlich ist das Rubenstein das richtige Hemd für diesen Tag.
In der Küche duftet der frisch gemahlene Kaffee und zusammen mit meinem neuen Parfum riecht das Zimmer gefährlich gut. Mein Handy vibriert: Mila hat mir geschrieben. Die roten Herzchen verraten alles: diese naiven Achtzehnjährigen …

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Ein Lebenszeichen

Status Quo: die Rohfassung eines Buches (erster Teil einer Trilogie) wird gerade überarbeitet. Diesen wahnsinnigen Prozess habe ich ganz frech unterschätzt.

In der zweiten Jahreshälfte wird eine Anthologie zum Thema “Loch in dünner Zeit” erscheinen (PEN) – ich gehöre zu den Glücklichen, deren Worte man in dieser Anthologie wiederfinden wird.

Dienstag ist ab nun der “Ich-melde-mich-Tag” – Gedichte, Texte, Kurzgeschichten, ungefilterte Gedanken oder die neuesten Bilder werden dienstags veröffentlicht.



-Ciderot

Text: Kontrollzwang

Wenigstens kann ich behaupten zu wissen wie das Wetter morgen sein wird. Oder aber betonen, dass die gestrige Erfahrung schöner gewesen wäre, wenn die Umstände anders. Zum Glück ist es ja auch nicht so schlimm, wie vielleicht befürchtet – es könnte ja doch anders kommen, wenn es anders gekommen wäre.
Ach! Als ob ich mich danach sehnen würde – mein Gedankenapparat suggeriert es mir halt. Und das ist auch alles sehr leicht zu verstehen: ein Potenzial entsteht, ohne Aussicht auf Auflösung, schon rattern Wahrscheinlichkeitsszenarien durch meinem Kopf. Passend dazu erhöht sich mein Blutdruck, die Atmung wird kürzer und in die obere Brust verlagert – und das ganz sorgenfrei!
Ob ich mir bewusst bin, dass mein Körper auf diese selbsterzeugten Vorstellungen in der Wirklichkeit reagiert? So bekommt Selbstunterhaltung doch erst seinen ganz unsinnigen Beigeschmack! Selbstunterhaltung, die mich von echten Konsequenzen fernhält. Und wer möchte denn schon in dieses unangenehme Verantwortungübernehmen gedrängt werden? Irgendwo ist doch auch mal Schluss! Immerhin habe ich eine gewisse Erfahrung, die all das rechtfertigt: all das Denken, all das Festhaltenwollen, all die Sicherseinsehnsucht – ich will doch nur ein bisschen Sicherheit. Sicherheit mit ein wenig Klarheit obendrauf – es kann ja wohl kaum sein, dass nach all der Zeit dieses ganze chaotische Leben immer noch nicht eindeutig ist! Zum Glück gibt’s da die Nachrichten. Und zum Glück habe ich eine Stimme, mit der ich mitteilen kann, was ich gerade wahrnehme, oder was wahrscheinlich passieren wird oder passieren könnte, oder was das Jetzt noch schöner oder hässlicher macht, wenn es denn einträte – im allerstillsten Fall hab ich noch meine Erinnerungen, meinen riesigen Schatz an Erinnerungen! Außer ich werde dement. Oder sterbe unvorhergesehen.


Wien, April 2019




Der Himmel unter Südafrika

Sterne zerpflückt – über den Nachthimmel gestreut. Das Leuchten aus dem tiefen Schwarz glüht geheimnisvoll. Der mächtige Wind flüstert Geschichten, während dunkle Wolken das Himmelszelt zudecken. Es scheint, ein Künstler habe dieses Bild erschaffen, und ich bin hier um es zu betrachten. Aber die schweren, tiefgrauen Schwaden verbieten mir die Sicht auf den Kosmos.
Eine Schneise!

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Afrika

Ein hässlicher, fetter Bierbauch spannt ein dünnes Camp-David-Hemd, sodass 9 Gucklöcher zwischen den Knöpfen entstehen. Aus den Luken, die zu viel Körper freigeben, speit die rot verbrannte Wampe; sonnengebleichte, sich kringelnde Schweineborsten ragen aus dem Dekolleté hervor und   auf diesem Teppich Brusthaare glänzt ein Goldkettchen, das gerade noch so aus den Fettwulsten des Halses findet.

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Das Dorf der Alkoholiker

Eine verrauchte Schenke mit versifften Vorgängen. Qualmende Stängel auf der Theke. Der Gestank beißt in der Nase, und in das Gewissen. In der einen Ecke stehen drei Weiber und tuscheln aufgeregt, in der anderen hockt ein gelangweiltes Pärchen. An der Theke sitzen fünf Männer, der Jüngste kaum 20, der Älteste mindestens 70.
Kratziges Geschwafel von dem Alten strömt

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Der Fall

Es rattert, es knarzt, es saust. Die Enge vermischt sich mit der Schwüle. Die Nervosität lodert, Kerosin tropft ins Feuer. Der Propeller brüllt die menschliche Überlegenheit in die Natur:  Geist über Anziehungskraft – und der Krieg wurde gewonnen. Genau jetzt, in einem militärfarbenen, deutschen Nachkriegsmodell, das zum Vergnügen umgewandelt wurde.
Die Häuser schrumpfen auf Nadelöhrgröße, das Meer breitet sich wie ein unendlicher, tiefblauer Teppich zur untergehenden Sonne hin aus, auf der anderen Seite thronen die majestätischen Anfänge der Alpen: die vereinte Natur.

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Das Berliner Leiden

Es war ein dunkler Winterabend. Kälte auf den Wangen, Brennen in den Augen, Tränen im Herz. Die graue, geschundene Wolljacke schützend auf meinen Schultern – Schutz und Nähe, die ich mir nicht zu fühlen erlaubte. Harte, stählerne Züge in meinem Gesicht; entschlossen bemühte ich mich diese loszuwerden. Wie hätte mich so etwas auch schmerzen können? Ich war doch besser als das.

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