Der große Vater
Auf deinem Rücken ruht das Kreuz der Welt.
Vom dunklen Tal zum lichten Gipfel hin
ergehst du alle Wege mit dem Sinn,
dass deine Schöpfung Gutes stets enthält.
Doch Leid treibt Zweifel weit in deinen Kreis
und schafft den Schatten, der dein All durchdringt:
Was wär der Mensch, wenn er mit Gott nicht ringt?
Denn viel zu oft ist schwarzer Schmerz der Preis.
So schufst du Freiheit auch als Richterspiel,
das letztlich bloß an deinem Urteil hängt:
Der Sünde ist Vergebung höchstes Ziel.
Und allem, was des Guten Mangel mengt,
entgegnest du die ewig höchste Macht:
die Liebe, die den Glauben und die Hoffnung facht.
2026
Die unfröhliche Wissenschaft
Das Wesen der Welten will wildern,
verbildert in taktendem Licht.
Mit Fakten das Wilde zu mildern:
was Wissenschaft sucht und verbricht.
Sie eifert ins eisige Nichts.
2021
Herbstscheiden
Wie dein Sturm
das Laubwerk meines Baumes
kalt entkront
aufs letzte Blatt,
das wirbelnd schwindet
in der weiten Bläue.
Ein Zittern –
vor der Einsamkeit,
die wie aus allen Nächten brechend
sich in unsre Äste neigt
und mit ihr schweigt
der verglühte Horizont.
So zieht mich deine Ferne
in mein stilles Selbst zurück
und treibt durch dunkle Schichten mich
in Ringen tief zur Mitte hin,
wo aus dem Stamm der Zeit gerissen
meine Seele um dein Fehlen weint.
Und Kälte bleibt:
entleibte Welt,
aus der, in letzten Wehen,
Gelebtes sanft zur Erde fällt
und sie bedeckt, als bunter Tod,
der über unsren Wurzeln ruht.
2021
Flusstanz
Trotz tanzendem Fließen
strömt er in nur eine Richtung;
ein Mit- und ein Gegeneinander
des lebendigen Wassers.
Steinerne Ufer
um rinnende Gleichmäßigkeit –
ungebrochen zeitlos.
Kleine Blätter treiben,
die letzten Mücken schwirren,
eine Fledermaus frohlockt
im himmelshellen Nachtbeginn;
während Krähenherden
zu hunderten hinfort ziehen,
und aus der Stadt
Motoren dröhnen –
in den Kirchen,
da lebt noch Gott;
dort bin ich ihm vorhin begegnet –
und auch hier: Im Fluss – als Fluss –,
der vor meinen Füßen
wellend Straßenlichter dehnt. –
Was brachte mich hierhin?
Die Not der Ängste und
das Wahre der gelebten Lügen.
Wie bedrohlich dunkel nun
der ruhige Fluss wirkt –
trägt er sich ja bis ins schwarze Meer! –
O Wien!
Wie richtetest du mich Dorfkind nieder!
Freuderaubend tief
ließt du mich blicken.
Und jetzt fehlt sie mir,
sie.
Ohne sie
bin ich doch bloß ein halbes Wesen,
halber Mensch,
halber Mann –
halb Ich.
Und doch kann ich meinen Blick nicht zu ihr heben –
zu der Aufgabe meines Lebens,
die mir viel zu groß und schwer,
zu unbezwingbar scheint –
„So beschäftigt mit sich selber“,
schießt’s mir durch den Kopf.
Und da weiß ich plötzlich,
dass der Fluss wie Ewigkeit,
in sich unendlich dringend,
stets gelassen weiterfließt.
2021
Joseph Schroeder
Auf alter, tiefer Erde aus Vulkangestein
und rings umgrünend‘, hüglig weiter Wälderwelt
durchschlängeln tausend Wege Moor und Dorf und Feld
und lassen seit Äonen Menschen einfach sein.
Bis einst ein Bauernkind die höchste Kunst berührt
und sich den Faust zur Helferhand ins Blute prägt,
trotz aller Hohn die Künste in die Heimat trägt
und dann ein Zentrum schafft, dem die Kultur gebührt.
So wandelt sich das Dörflerall im Seelenglanz
der schönsten Weltendichter – einzig durch ein Kind,
das zwischen tausend Wegen seinem eignen traut
und aufsteigt zu den Riesen, die im Liebestanz
mit Göttern und mit Menschen ewig weilend sind,
weil sie sich gaben für den Grund, der uns erbaut.
2024
Befeuern
Still das Schwarze, unbefeuert,
leer vor lauter Nichts.
Noch schweigt das große Ungeheuer,
schweigt im schwarzen Licht:
Im Schatten blind, im Schatten taub,
der Schatten hat geraubt;
gefasst den Rauch, der Kohlehauch,
die tote Glut zerbricht
ins schwächste Glimmen, leise
scheint schneidend durch die Düsternis,
durchs weite Schwarz ein ruhiges Licht,
das zärtlichst in die Augen sticht
mit sanftem Rot im Glutgesicht,
aus dem ein Mund erbricht:
und aus der Asche bricht das Blut,
es treibt, es fließt die Funkenflut
mit Flammenzungen, Flammen lodern,
Feuer zungt, das Feuer lodert
hoch und weit, zerbrennt das Schwarz
ein großes, grelles Feuerherz
sengt hell und laut,
erblindet, taubt:
Hitze atmend,
Flammen fassend,
das Feuer aus dem Herzen lassend,
brennen wir hinaus.
2019
Ein stiller Sturm
Da gleitest du vorbei,
du junge, wilde Schöne.
Vor dir, an einer Leine,
ein kleiner Hund, der tänzelt;
und hinter dir
stürzt einzig die Wirklichkeit ein:
An jedem deiner so sinnlichen Schritte
tanzt du Weiblichstes
in die Welt hinein;
mit wehenden Locken
und weichglatter Haut,
formte wohl sich eine Göttin dich –
die du jetzt auch noch mich:
erblickst – !
Mit deinen dunklen Augen
peitschst du Fesseln auf mich ein! –
dass ich, am Pranger meiner Blöße, so
beginne,
lautlos nach dir zu schrei‘n.
Bauerstochter
Den edlen Bauern Brunner einst ein Kindlein kam,
als Jungfrau aus den Sternen in die Berg‘ geboren.
In Sorge früh erblüht, zum Schwesterherz erkoren,
noch hinter Feistritz Toren sie die Liebe nahm.
So schwanger schön verträumt im weißen Kleid getraut,
den Mann aus schwarzem Zorn, der Höllenleid begehrte.
Trotz ihres Schutzes er die Kinder noch versehrte –
erwuchsen sie, dank ihr, das Gute noch geschaut.
Die edle Tochter Silwegs dann sich selbst befreit,
an keiner Rückkehr jenes Teufels je zerbrochen;
als wahrhaft große Mutter voller Güte alt.
Wie zärtlich sie noch blickt, und lachend alles weiht;
seit je gedeiht, weil sie sich jedem Tag versprochen;
dass stets ihr Herz durch ihre Kinder heilsam schallt.
2022